Die DDR und die Stasi – Mein Stück deutsche Geschichte
Eine Seite gegen das Vergessen, Verniedlichen und die Ignoranz

DDR Ausreise mit „lebenslanger Haft“ bezahlt

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prison-598852_640Die Verfolgung will nicht aufhören. Es ist nun schon weit über zwanzig Jahre her, dass ich durch die Staatssicherheit der DDR verhaftet wurde und man sollte annehmen, dass es eine ausreichend lange Zeit ist, die Geschehnisse zu verarbeiten. Die Wahrheit ist: Mir kommt es so vor, als wäre alles gestern passiert. Die Ereignisse verfolgen mich immer noch. Die Wahrheit ist: Ich habe kein Stück dieser unseligen Zeit verarbeitet. Ich habe verdrängt, so gut es ging und es ging auch tatsächlich jahrelang richtig gut. So lange ich Verantwortung hatte für mehr als für mich, konnte ich zu 100% in meinen Aufgaben aufgehen. Aber heute sind meine Kinder groß und mein Arbeitsvertrag liegt auf Eis. Ich bin wegen Erwerbsunfähigkeit verrentet worden. Eine chronische Depression führte dazu. Und sie führte auch dazu, dass ich heute allein lebe, irgendwo im Norden auf dem Land inmitten von Wiesen und Feldern. Ich lebe so zurück gezogen, weil ich Niemandem mehr vertrauen kann. Weil ich alles, was von außen kommt, als Bedrohung empfinde, selbst die Post. Schlimmer sind noch Anrufe oder gar das Klingeln an der Haustür.

Doch mit den Jahren klappt das Verdrängen immer schlechter, was auch mit ein Grund für dass Entstehen dieses Blogs war. Besonders von September bis Dezember bin ich dünnhäutig. Ich bin dann noch weniger belastbar als sonst, bin leicht reizbar und schnell aggressiv auf der einen Seite und besonders ängstlich und mit wenig Selbstvertrauen ausgestattet auf der anderen Seite. Es ist Jahr für Jahr meine schwierigste Zeit. Ich erlebe die Haft immer wieder neu. Der Film scheint in einer Endlosschleife zu laufen. Ich sehe die dunklen Mauern der Häftlingsblocks mit den vielen kleinen vergitterten Fenstern und das baumlose  Areal, das ich täglich durchquerte, um meinen „Freigang“ in einem Hundezwinger zu absolvieren. Ich höre die Schritte des Wachpersonals und das Geräusch vom Drehen der Schlüssel in den alten handgeschmiedeten Gefängnistürenschlössern. Stimmen von Gefangen höre ich nicht. Denn jeder Laut außerhalb der Zelle war verboten und zog sofort verschärften Arrest nach sich. Ich höre das Gurren der Gefängnistauben, das mich fast wahnsinnig gemacht hat, denn es war das einzige, das ich täglich zu hören bekam. Einmal muss ein Raubvogel in das Domizil der Tauben eingebrochen sein – da gab es ein ordentliches Spektakel unter dem Dach und ich weiß noch wie ich mich darüber freute, in der Hoffnung, die blöden Tauben nicht mehr hören zu müssen. Und tatsächlich war danach auch Ruhe. Aber leider nicht für lange Zeit. Ich hasse noch heute dieses Geräusch! Eigentlich bin ich ein Tierliebhaber, aber im Fall der Tauben, hat sich das geändert.

Ich spüre den Luftzug vom undichten Fenster durch die kleine Zelle hindurch und unter der Tür wieder hinaus in den Zellentrakt. Und ich rieche die Luft, die eine Mischung von Modrigkeit und Sauberkeit in sich trägt. Das Essen war ein Fraß. Wenn es Kartoffeln gab, wurden die mitsamt ihrer Schale in die Soße geschmissen. Ich habe 10 kg abgenommen während meiner Untersuchungshaft. Wir wurden behandelt wie verurteilte Verbrecher, ja sogar noch deutlich schlechter, wie ich später erfuhr, als ich zur Abbüßung meiner Strafe in den Strafvollzug nach Karl-Marx-Stadt (früher und heute wieder Chemnitz) verlegt wurde. Der Vollzug war ein Zuckerschlecken gegen das, was ich vorher erlebt hatte. Das alles wiederholt sich nun Tag für Tag und Jahr für Jahr. Es ist wie eine lebenslange Haft. Ich habe große Angst davor, dass diese Zeiten wieder zurück kommen. Denn Alle sind noch da: Genossen und Genossinnen, Helfer und Helferinnen, Menschen verachtende Kreaturen einer Menschen verachtenden Gesellschaft, wenn es um solche ging, die eine andere Meinung hatten. Neulich traf ich bei meinen Recherchen auf die Seite eines DDR-Fanclubs und es lief mir kalt den Rücken hinunter. Aus meiner Sicht ist das ein Sammelbecken von ewig Gestrigen, die nur darauf warten, noch einmal eine Chance zu bekommen. Und ich habe Angst vor diesem Tag. Die Angst ist auch mit ein Grund für diese Seite. Die Erinnerung wach zu halten an die dunklen Seiten des Sozialismus, bleibt vermutlich die Aufgabe der Opfer, denn die Täter haben eine ganz andere Sicht auf die Vergangenheit. Und so versuche ich einerseits Mahner zu sein und Verfechter einer demokratischen Grundordnung und andererseits mit dem Führen dieses Blogs aus mir heraus zu schreiben, was mich nach so langer Zeit immer noch belastet. Und vielleicht höre ich es dann irgend wann einmal nicht mehr, das Gurren der Tauben vom Gefängnisblock „Roter Ochse“ in Halle …

Quellen zu „DDR Ausreise mit „lebenslanger Haft“ bezahlt“
Foto: pixabay.com

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