Die DDR und die Stasi – Mein Stück deutsche Geschichte
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DDR Freikauf aus Stasihaft

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587702_web_R_by_Dieter Schütz_pixelio.deHeute, am 13. Dezember, jährt sich wieder einmal der Tag meiner Haftentlassung. Ich hatte gerade einmal dreieinhalb Monate meiner auf ein Jahr und zwei Monate festgelegten Haftstrafe verbüßt und gelangte somit unerwartet früh in den Westen. Das Geschäft mit der Abschiebung unliebsamer Staatsbürger bescherte der einstigen DDR-Führung zuverlässig Devisen, so dass ich schon so manches Mal Gedanken hatte, die dahin gingen, dass die Bundesrepublik Deutschland mit ihrem humanistischen Akt des Freikaufs politischer Gefangener vielleicht auch einen Anteil an der Aufrechterhaltung der Inhaftierungspraxis in der DDR hatte. Auch der Fortbestand der DDR wurde durch das Abkaufen kritischer Personen erleichtert, denn jedes Jahr wurden auf diese Weise tausende staatskritischer Stimmen aus dem Land geschafft, Wiedereinreiseverbot inklusive.

Wie viel ist ein Mensch denn wert? Nach meinen Informationen bezahlte man für jeden von uns Ehemaligen etwa 40.000 DM. 40 Riesen für eine Menschenseele. Zu viel? Zu wenig? Niemand stellte sich wohl diese Frage. Es war ein Geschäft. Hier im Westen brachte es Wählerstimmen, im Osten Devisen. Es mag der Verdacht entstehen, dass ich undankbar wäre. Ich könnte doch froh sein, dass es damals diese Möglichkeit überhaupt gab. Ja, ich war auch froh, sehr froh sogar und dankbar bin ich noch heute, dass ich meine Strafe nicht absitzen musste. Nichtsdestotrotz drängen sich mir manchmal solche Gedanken auf, besonders an Tagen wie heute, an Jahrestagen.

Es war doch eine klassische Marktsituation. Es gab einen Markt für politische Häftlinge, also wurden welche produziert. Hätte man mehr von ihnen verkaufen können, hätte man vermutlich noch mehr von ihnen produziert. Die Begrenzung ergab sich aus einem begrenzten Bundesetat, nicht in Ermangelung von Stasihäftlingen. Jede Woche kam aus jedem Ostblockland, dass eine Staatsgrenze zur westlichen Welt hatte, ein Flugzeug voller Ausreißer in Berlin an. Das betraf, die Tschechoslowakei, Ungarn und  Bulgarien. Nach Jugoslawien durften DDR-Bürger nicht reisen, obwohl es auch sozialistisch war, weil dieses Land kein Auslieferungsabkommen mit der DDR hatte. Jede Woche drei Flieger voll mit DDR-Flüchtlingen, die erwischt wurden. Hinzu kamen noch all diejenigen, die es an der deutsch-deutschen Grenze versucht hatten. Sie alle kamen zunächst nach Berlin-Hohenschönhausen in die Hände der Stasi. Von dort wurden sie auf ihre Heimatbezirke verteilt. Ich saß mit vielen von ihnen in Haft, zuächst in U-Haft in Halle, später im Strafvollzug in Karl-Marx-Stadt und am Ende in Abschiebehaft. Die meisten meiner Mithäftlinge, ich schätze mal 90 Prozent, wurden wegen sogenanntem Illegalen Grenzübertritts aus dem Verkehr gezogen. Und alle, ausnahmslos alle, kamen auf wundersame Weise doch in den Westen. Warum dann bitteschön der ganze Aufwand?  Mir fällt dazu nur eine Erklärung ein: Es hat sich finanziell gelohnt, das Freikaufgeschäft. Es gab sie eigentlich schon lange vor den legendären Montagsdemos in Leipzig, Menschen, die bereit waren, für ihre Freiheit einzutreten. Aber durch den Verkauf hatte man eine ausgezeichnete Lösung gefunden, sie nicht nur unschädlich zu machen, sondern sogar noch einen Nutzen aus ihnen zu ziehen.

Es waren Menschen wie du und ich. Es waren dieselben Menschen, die die Indianer fast ausrotteten und sich Entdecker nannten. Menschen, die mit einem Kreuz auf ihrem Gewand für den christlichen Glauben töteten und meinten ein Gotteswerk zu verrichten. Es waren Menschen, die daran glaubten ihrem Volke den größten Dienst zu erweisen, indem sie alles vernichteten, was sich ihrem Führer in den Weg stellte. Und es waren Menschen, die Unbeteiligte terrorisieren, Bomben legen und mit Flugzeugen in Hochhäuser fliegen. Es gab sie schon immer – Menschen tun so etwas, sobald die Bedingungen dafür gut sind.

Es wird unser aller Aufgabe sein, zu verhindern, dass solche Zustände erneut aus deutschem Boden erwachsen. Im Gedenken an das, was war, tragen wir Verantwortung für unser Land und unsere Gesellschaft.Wenn wir mit unserer Stimme am Wahltag vielleicht auch nicht die Partei wählen können, die wir uns wünschen, so können wir doch verhindern, dass unser Land nach links oder rechts abrutscht und sich extreme, menschenfeindliche Gesinnungen ins Licht der Normalität erheben.

 

Quellen zu „DDR Freikauf aus Stasihaft“
Foto: Dieter Schütz  / pixelio.de

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