Die DDR und die Stasi – Mein Stück deutsche Geschichte
Eine Seite gegen das Vergessen, Verniedlichen und die Ignoranz

Der Ausreiseantrag

DDR GrenzeEigentlich hätte dieser Antrag nie sein müssen. Ich kannte es ja nicht anders. Ich lebte in diesem Land mit seinen Grenzen von Geburt an und stellte sie nie dermaßen in Frage, dass ich hätte mein Leben dafür riskieren wollen. Es war eben wie es war und irgendwie machten wir alle das Beste daraus. Es stand also nie wirklich auf dem Plan und doch kam es schließlich so, schien mir dieser Weg unausweichlich zu sein. Es begann alles ganz normal…

Wohnungsmangel

Ich heiratete jung. Für DDR-Verhältnisse war das nichts Außergewöhnliches. Fast alle jungen Menschen taten dies so: Heiraten und Kinder kriegen. Es war auch so ziemlich die einzige Möglichkeit an eine eigene Wohnung zu kommen. Das klingt zynisch, aber so war es, außer man hatte das richtige Parteibuch in der Tasche. Doch bei weitem nicht jeder war bereit, seine Seele zu verkaufen.  Der Wohnungsmarkt in der DDR war staatlich kontrolliert, das heißt, dass niemand ohne Zustimmung des Wohnungsamtes Wohnraum mieten oder vermieten durfte. Private Vermieter hatten jedoch kaum einen Anreiz, dies zu tun. Die Mieten waren billig und staatlich festgelegt. Ich zahlte für meine erste Wohnung, das waren rund 50 Quadratmeter, dreißig Mark, inklusive Müll und Wasser. Damit die permanent desolate Wohnraumsituation wenigstens einigermaßen beherrschbar wurde, wurde potentielle Vermieter auch verpflichtet, Wohnraum zu vermieten. Der Staat hatte seine Hand überall drin. Ich heirate also und so bekamen wir unsere erste eigene Wohnung. Und auch das war noch ein großes Glück und klappte nur, weil ich sozusagen einen Wohnungstausch organisieren konnte. Wir zogen in die Wohnung der Freundin meines Vaters und sie zog mit ihren Kindern in das Haus meines Vaters. Ich tauschte quasi mein Kinderzimmer gegen meine erste Wohnung. Natürlich war auch so ein Tausch genehmigungspflichtig und ohne Trauschein, wie gesagt – Fehlanzeige. Wenn ich heute so zurück schaue, war es ein Bruchbude. Die Kachelöfen waren alt und qualmten mehr, als sie heizten. Ein Bad gab es nicht. jedenfalls nicht für die Mieter. Warmes Wasser auch nicht. Die Toilette war draußen auf dem Hof, noch so ein echter Donnerbalken, auf dem man im Winter anfror und im Sommer umkam vor Gestank. Aber wir hatten eine Wohnung und waren froh darüber. Das ging einige Zeit gut so. Doch die Familie wuchs und der Platz wurde rar. Als das zweite Kind irgendwann unterwegs war, beantragten wir größeren Wohnraum, wollten gerne eine Wohnung mit Kinderzimmer und Bad haben. Aber Wohnraum gab es nicht, jedenfalls nicht genug. Angeblich liefen die stattlichen Bauprogramme auf Hochtouren, doch war die Wirtschaft der DDR nicht wirklich leistungsfähig. Das ganze System drehte sich irgendwie nur im eigenen Saft und auch der schien mit der Zeit allmählich einzutrocknen.

Jeden Dienstag ging ich zum Wohnungsamt im Coswiger Rathaus. Jeden Dienstag fragte ich nach, ob eventuell eine Wohnung freigeworden wäre. Sie sollten nicht auf die Idee kommen, wir hätten das Interesse verloren. Man musste so hartnäckig sein, wenn man etwas erreichen wollte. Und ich war mir sicher, so an mein Ziel zu kommen. Sie konnten ja quasi gar nicht anders, dachte ich, denn die Wohnraumvergabe sei transparent. Es gebe zwar Wartelisten, aber irgendwann würden wir dran sein. Daran glaubte ich.

Bevorzugung

Nun trug es sich zu, dass ein Kollege von mir erzählte, dass er, auch frisch verheiratet, bald eine Wohnung bekommen würde. Kinder hatten sie zwar nicht, aber die Wohnung, die man ihm zugesagt hatte, verfügte bereits über ein Kinderzimmer. Ich dachte, ich hörte nicht recht. Natürlich war ich sofort wütend und konnte es kaum erwarten, die Dame im Wohnungsamt mit meinem neuen Wissen zu konfrontieren. Zuerst log sie, gab an, dass kein neuer Wohnraum freiwerden würde. Aber als ich Ross und Reiter benennen konnte, knickte sie ein. Sie könne da nichts machen, räumte sie ein. Es sei eine Anweisung der SED-Kreisleitung gewesen. Und mein Kollege war Mitglied dieser Partei und zudem noch irgend so ein Jugendsekretär. Die SED war die Partei, aus der alle Führungskräfte in Wirtschaft und Politik rekrutiert wurden. Sie war die Partei, die hinter dem Staat stand. Sie war quasi auch die einzige Partei mit politischer und gesellschaftlicher Bedeutung. Wer sich gegen sie stellte, wurde unter Beobachtung des Geheimdienstes gestellt. Sie war so etwas wie die NSDAP im Dritten Reich, nur eben nicht faschistisch, aber mit demselben Machtanspruch einer Diktatur. Die Partei war allmächtig. Niemand wagte es, sich hiergegen aufzulehnen.

Die Konsequenz

Erst jetzt begriff ich, wie das Spiel lief. Und mir wurde augenblicklich klar, dass sich auch in Zukunft immer wieder jemand finden würde, der eine Wohnung sucht und dem Staat mehr zugetan war, als man von mir behaupten konnte. Mir wurde klar, dass ich hier nie eine Wohnung bekommen würde. Und so reifte in mir der Entschluss, einen Ausreiseantrag zu stellen.

Im Osten gab es Wohnungsnot, während im Westen in den Achtzigern Wohnungen leer standen. Ich wollte alles auf eine Karte setzen und neu anfangen in einem Deutschland, in dem alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Zwar waren offiziell auch in der DDR alle Menschen gleich, aber einige waren doch gleicher, wie wir immer sagten. Und so stellte ich im Dezember 1985 gemeinsam mit meiner Frau einen Antrag auf ständige Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland.

Quellen zu „Der Ausreiseantrag“
Foto: Karl-Heinz Laube  / pixelio.de

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