Die DDR und die Stasi – Mein Stück deutsche Geschichte
Eine Seite gegen das Vergessen, Verniedlichen und die Ignoranz

Der Gefangenentransport

Nach meiner Verurteilung am 26.10.1988 vor dem Kreisgericht in Halle wurde umgehend meine Verlegung in den Strafvollzug angeordnet. Dies war sofort möglich, weil ich, nach Absprache mit meinem Anwalt, auf Rechtsmittel verzichtet hatte. Für diesen Rat bin ich ihm auch heute noch dankbar, denn eigentlich wollte ich in Berufung gehen, weil ich mich ja für unschuldig hielt. Damit hätte ich aber nur ein weiteres Procedere in Gang gesetzt, von dem der Ausgang von vorn herein fest gestanden hätte, genau wie im Falle meiner Hauptverhandlung. Es hätte eine Überprüfung durch das Bezirksgericht gegeben, zur Wahrung des Anscheins, mit Prüfung der Akten und womöglich einer weiteren Verhandlung. Dies hätte vermutlich mehrere Wochen oder sogar Monate in Anspruch genommen. Während dieser Zeit wäre mein Urteil nichts rechtskräftig gewesen und ich hätte weiterhin in Untersuchungshaft in den Fängen der Stasi und unter unmenschlichen Bedingungen ausharren müssen. Und das alles für nichts. Aber so kam es ja nicht.

Zwei Wochen nach der Urteilsverkündigung war meine Verlegung organisiert. Ich sollte nach Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz gebracht werden, um dort meine Reststrafe zu verbüßen. Die Zeit der Untersuchungshaft sollte auf meine Haftzeit angerechnet werden. Einige Tage vor dem geplanten Transport, am 09. November 1988 musste ich mich noch einmal einer körperlichen Untersuchung beim Anstaltsarzt unterziehen. Die Untersuchung war ein Witz, wie die gesamte medizinische Betreuung während der Untersuchungshaft überhaupt. Ich hatte mir allerdings auch abgewöhnt, über Beschwerden zu sprechen, da wir ohnehin nicht adäquat behandelt wurden und ich den Eindruck  hatte, man genoss es sogar, wenn wir Schmerzen hatten. Dieses Hochgefühl sollten sie von mir nicht bekommen. Ich wurde also ein letztes Mal untersucht und für „transportfähig“ befunden.

Mein genaues Transportdatum kannte ich nicht, aber ich hatte das Gefühl, dass es kurz bevor stehen musste. Am 11. November war es dann soweit. Ich bekam meine Zivilkleidung in die Zelle gereicht mit der Aufforderung, die Haftkleidung abzulegen und meine eigenen Sachen anzuziehen. Es waren die Sachen, die ich zur Gerichtsverhandlung trug. Endlich hatte das Warten ein Ende. Es passierte etwas. Ich war froh, diesen unheimlichen Ort nun verlassen zu können. Wenn es auch nicht in die Freiheit ging, so doch vermutlich in gemäßigtere Verhältnisse. Mithäftlinge hatten mir erzählt, dass es in Karl-Marx-Stadt richtige Zimmer mit Fenstern gäbe und auch die Toiletten sollten nicht mehr mit in der Zelle sein. Man hätte dort richtige Zimmer, die nur nachts verschlossen würden. Und man könne arbeiten, etwas gegen die Langeweile tun. Ich müsse es mir dort ähnlich wie bei der NVA, der nationalen Volksarmee der DDR vorstellen. Die NVA – ja die kannte ich. Davor hatte ich keine Angst mehr. Ich war relativ guter Dinge, denn ich sah einer Verbesserung meiner Umstände entgegen.

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Gefangenensammeltransportwagen (GSTW) im Leipziger Hauptbahnhof

Der Transport ging wenige Zeit später los. In der Schleuse der Untersuchungshaftanstalt wartete bereits ein Fahrzeug mit Strafvollzugsbeamten, zu erkennen an den blauen Uniformen. Das Stasiwachpersonal trug armeegrüne Uniformen. Hier wurde ich also, gemeinsam mit einigen anderen Häftlingen, offiziell in den Strafvollzug überstellt. Die Fahrt ging aber nicht nach Karl-Marx-Stadt, wie ich zunächst erwartet hatte, sondern endete nach wenigen Kilometern bereits in einem anderen Untersuchungsgefängnis. Man hatte mich in die normale U-Haft, in die jeder andere Straftäter zunächst kam und die dem Ministerium des Innern (MdI) unterstand, überstellt. Hier wurden wir vorübergehend einquartiert, wie sich später heraus stellen sollte. Gesagt wurde uns grundsätzlich nichts. Das gehörte zum Behandlungsrepertoire polititischer Gefangener. Nach weiteren zwei Tagen hatte das Warten dann ein Ende. Wir wurden in Handschellen zum Hallenser Hauptbahnhof gebracht. Dort warteten wir am Bahnsteig auf unseren Transport. Seit vielen Wochen war ich wieder an einem zivilen Ort. Aber ich fühlte mich nicht wohl. Noch heute spüre ich die Blicke der anderen, normalen Reisenden. Man konnte uns ja nicht ansehen, weshalb wir hier standen. Man sah nur unsere Handschellen und unsere Bewachung. Also waren wir Verbrecher. Und mit dieser Einstellung und einer sich daraus ergebenden Mischung aus Angst und Verachtung sahen die Menschen uns an. Es dauerte lange, bis der Transportzug endlich eintraf. In der DDR gab es einen Zug der Reichsbahn, der speziell für den Transport von Gefangenen konstruiert war, ein fahrendes Gefängnis quasi. Er war innerhalb eines ausgeklügelten Systems ständig durch die ganze Republik unterwegs und verband so alle Haftanstalten miteinander. Er hieß im Häftlingsjargon „Otto-Grothewohl-Express“. Otto-Grothewohl war der erste Ministerpräsident der DDR. In diesen Zug stiegen wir dann irgendwann ein und wurden auf einzelne Abteile verteilt und weg geschlossen. Die Handschellen nahm man uns während der Fahrt ab. Das tat wohl, denn die Handgelenke schmerzten bereits.

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Zelle im Gefängniszug für je vier Häftlinge

Dadurch, dass dieser Zug, alle Gefängsnisstandorte abklapperte, kann von Express nicht wirklich die Rede sein. Unsere sonderbare Reise führte uns zunächst nach Cottbus. Wir fuhren über Roßlau, meine Kreisstadt und der Ort, wo ich stundenlang von der Stasi verhört und schließlich fest genommen wurde. Es war ein bedrückendes Gefühl, in einem Gefangenentransport durch einen Bahnhof zu fahren, den ich so gut kannte. In Cottbus angekommen wurden uns die Handschellen wieder angelegt und wir wurden mit LKW in ein Cottbusser Gefängnis gebracht, wo wir auch die Nacht verbringen sollten. Es handelte sich um einen Raum in der Größe eines Schulraumes, wo gefühlte 200 Sträflinge zusammen gepfercht wurden. Man überließ uns uns selbst. Eine Aufsicht gab es nicht. Ich habe dort Menschen erlebt, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte. Menschen, die keinerlei Skrupel empfanden, keine menschliche Regung zeigten. Es war einer dabei, dessen gesamter Körper keine Stelle normaler Haut mehr aufwies. Er war tätowiert von Kopf bis Fuß. Selbst im Gesicht und auf seinem kahlen Schädel war er bunt wie ein Kolibri. Ich hatte so etwas noch nie zuvor gesehen und war ziemlich schockiert von dem Anblick, versuchte aber, das nicht zu zeigen und möglichst nicht hin zu sehen, um nicht zu provozieren. Er machte auch keinen Hehl daraus, dass er nichts zu verlieren habe. Ich verhielt mich ruhig und so unauffällig wie möglich, beteiligte mich an keinem Gespräch und zeigte auch kein Interesse. In der Nacht kam es dann, wie es kommen musste. Es gab eine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen den Häftlingen. Der Bunte war beteiligt. Ich hatte mich an den Rand des Raumes verzogen und hoffte nur, dass ich verschont bliebe. Irgendwann kam Wachpersonal, dass durch den Lärm aufmerksam gemacht wurde und löste die Schlägerei auf. Ich schlief die gesamte Nacht nicht und verhielt mich weiterhin ruhig, was sich als vorteilhaft erwies. Ich hatte höllische Angst.

Am nächsten Tag ging es wieder mit Transportfahrzeugen zum Bahnhof und wir bestiegen erneut den Gefangenenzug. Von hier aus ging die Reise weiter nach Karl-Marx-Stadt, mit einigen Zwischenstationen, an die ich mich aber nicht mehr weiter erinnere. Die Fahrstrecke könnte in etwa so ausgesehen haben:

In Karl-Marx-Stadt angekommen wurden uns die Handschellen wieder angelegt, wie immer, wenn wir den Zug verlassen sollten und wir wurden mit Fahrzeugen in die StVE, die Strafvollzugseinrichtung, wie es in der DDR offiziell hieß, gebracht.

Nach vier langen Tagen, am 16. November 1988,  sollte meine Reise nun in der StVE Karl-Marx-Stadt ihr vorläufiges Ende finden.

Quellen zu „Der Gefangenentransport“
Fotos: Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Karte: Google-Maps