Die DDR und die Stasi – Mein Stück deutsche Geschichte
Eine Seite gegen das Vergessen, Verniedlichen und die Ignoranz

Die DDR – In meinem Bewusstsein ist sie unsterblich

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Profilfoto-StasiEs ist in meinem Kopf und in meinem Bauch. Es ist immer da – jeden Tag meines Lebens und in jeder Faser meines Körpers. Nichts aus meinem Leben dringt immer wieder so beständig in mein Bewusstsein, wie meine Zeit in der DDR, als ich zum „Staatsfeind“ erklärt wurde. Die DDR ist unsterblich geworden in meinen Gedanken, aber was noch viel schlimmer ist, sie ist es auch in meinem Unterbewusstsein. Als ich heute mein Blogarchiv durchsah, fiel mir auf, dass ich sehr viel in der Zeit von September bis Dezember gepostet hatte. Das sind die Monate, in denen ich auch inhaftiert war. In dieser Zeit bricht es jedes Jahr erneut aus mir heraus. Letztes Jahr habe ich dann damit begonnen, es aufzuschreiben. Ich weiß nicht, wie viel ich hier noch zu erzählen habe, aber ich weiß, dass noch nicht alles erzählt ist.

Gestern erhielt ich eine Mail von Hinrich Kley-Olsen. Er betreibt eine Website unter dem Titel Gegen das Vergessen und Verdrängen der Diktatur in der DDR. Bei seinen Recherchen ist Kley-Olsen auf meinen Blog gestoßen. Er „sammelt“ quasi solche Schicksale wie das meiner Familie, damit solche Erinnerungen der Nachwelt nicht verloren gehen. Ein Stück lebendige Geschichtsarbeit und ich war beeindruckt und zugleich tief bewegt. Es tut irgendwie gut, aus erster Hand zu erfahren, dass es anderen Menschen auch so ging, dass es wahr ist, was sich täglich in meinem Kopf abspielt und nicht nur eine ängstliche Phantasie längst vergangener Zeiten. Manchmal habe ich Zweifel an meinen Erinnerungen. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn was in der einstigen DDR passierte, ist aus heutiger Sicht alles andere als glaubhaft.
Ja, die DDR hatte „Staatsfeinde“ und es waren nicht wenige. Dabei wollte eigentlich niemand der DDR wirklich etwas antun. Wir wollten nur unsere Freiheit. Sollten sie doch ihren Sozialismus leben! Jeder hat verdient, womit er sich zufrieden gibt. Aber für die DDR-Führung war es tatsächlich so – wir waren ihre Feinde. Wer gehen wollte, war ein Verräter und Verräter wurden normalerweise erschossen. Fünfzig Jahre zuvor hätte man das auch sofort getan, am besten auf offener Straße, zur Abschreckung. Aber in den Achtzigern war das nicht mehr ganz so einfach. Deshalb wurden die Methoden zwar morbider, aber nicht minder wirksam.

DDR – BRD hat sie völkerrechtlich nie anerkannt

Nach dem Krieg wurde die United Nations Organization, die Vereinten Nationen, besser bekannt als UNO, gegründet. Auch die Länder des Ostblocks waren um internationale Anerkennung bemüht. Deshalb hielten sie ihren eiseren Vorhang nur nach innen dicht. Sie wollten aller Welt zeigen, wie vorbildlich und menschenfreundlich der Sozialismus war, mit Produktionsstätten in Volkseigentum, fair bezahlter Arbeit ohne kapitalistische Ausbeutung, mit kostenlosen Krippen- und Kindergartenplätzen, freier und kostenloser Schulbildung, mit niedrigen Mieten und Grundnahrungsmitteln zu erschwinglichen Preisen. Ein Brot kostete 78 Pfennig, ein Brötchen fünf. Die Miete für meine erste Zweizimmerwohnung mit Küche und Außentoillette (umgangssprachlich: Donnerbalken) kostete 30 Mark inklusive Wasser und Müll. Ein Schlaraffenland, könnte man heute denken, aber so war es nicht. Es war armselig. 
Weil man so sehr um weltweite Anerkennung bemüht war, wurde seinerzeit auch die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, besser bekannt als KSZE, ins Leben gerufen. Die Initiative hierfür ging sogar vom sozialistischen Lager selbst aus. Man wollte Anerkennung. Und der Westen war bereit zu verhandeln. In Wirklichkeit hat die Bundesrepublik die DDR völkerrechtlich aber nie anerkannt, was der SED-Führung auch stets ein Dorn im Auge war. Aber es gab immerhin diesen KSZE-Prozess und mit der Schlussakte von Helsinki wurden den Menschen im Sozialismus auch zum ersten Mal freiheitliche Grundrechte zugesichert. Das war ein Novum in der Geschichte der DDR. Denn zur Freiheit gehört nun einmal auch die Reisefreiheit. Am 1. August 1975 war es dann soweit. Nach zweijährigen Verhandlungen wird in Helsinki die KSZE-Schlussakte unterschrieben. Die unterzeichnenden Staaten verpflichteten sich zur Unverletzlichkeit der Grenzen, zur friedlichen Regelung von Streitfällen, zur Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten sowie zur Wahrung der Menschenrechte und Grundfreiheiten. Weiterhin wurde noch die Zusammenarbeit in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft und Umwelt vereinbart. Mit diesem Tag begann ein neues Zeitalter in der DDR. Hoffnung keimte auf bei den Menschen. Ja, wenn unser Honecker so etwas unterschreibt, dann muss er sich ja auch daran halten, glaubten wir. Und so folgten die ersten Ausreiseanträge. Natürlich wurden die alle abgelehnt. Aus Sicht der DDR-Führung durfte man das Land nicht einfach verlassen. Man hatte sich schuldig gemacht.
All die finanziellen Vergünstigungen, die kostenlose Berufsausbildung, das Studium, all das hatte Vater Staat ja bezahlt und erwartete nun von seinen Bürgern auch, dass der Kredit durch lebenslange Arbeit zurück gezahlt wurde. Das System könne nicht funktionieren, wenn wir unsere erstklassig ausgebildeten Werktätigen so einfach ziehen lassen, argumentierte der Propagandaapparat. Niemand der roten Garde verstand, warum es Menschen gab, die selbstbestimmt leben wollten. Und so mutmaßte man, dass ein von westlichen Geheimdiensten erdachtes Abwerbungsprogramm installiert wurde, um eine Unterwanderung und Destabilisierung der DDR herbei führen zu können. 
Honecker war jedenfalls sehr an einer Nichteinmischung und der Achtung der Unverletzlichkeit der DDR-Grenzen gelegen. Deshalb unterschrieb er die Schlussakte wohl auch. Mit den Menschenrechten nahm er es bekanntlich nicht so genau. 

Auch mein Ausreiseantrag vom 19. Dezember 1985 gründete letztlich auf der Schlussakte von Helsinki. Diese international anerkannte Willensbekundung wurde allerdings nie in staatliches Recht der DDR umgewandelt. Das war auch ein Grund dafür, warum mein Antrag drei Jahre später abgelehnt wurde. Ich sei nicht antragsberechtigt, hieß es zur Begründung. Es gäbe keine gesetzliche Grundlage für einen solchen Antrag … 

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