Die DDR und die Stasi – Mein Stück deutsche Geschichte
Eine Seite gegen das Vergessen, Verniedlichen und die Ignoranz

Die DDR und ihre Spuren

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In der DDR war der 1. September der Weltfriedenstag. Für mich war es der Tag, an dem ich meinen inneren Frieden restlos verlor. Der Tag, an dem ich der Staatssicherheit ins Netz ging. Die Spinne stach zu und ließ mich nicht wieder los. Was ich seinerzeit noch nicht wusste: Ich sollte die DDR als freier Mann nie wieder sehen. Es muss gestern gewesen sein, oder war es vorgestern? Ach, jetzt erinnere ich mich. Es war heute vor 25 Jahren. Der Tag meiner Verhaftung durch Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes der DDR ist immer noch sehr präsent in meinem Kopf und in meiner Seele. Dabei ist es fast schon ein halbes Menschenleben her. Die DDR ist schon längst Geschichte, die nächste Generation ist heran gewachsen und übernimmt so langsam das Ruder, doch die Spuren einstiger Ungerechtigkeiten wirken fort. Sie sind nicht weg zu machen mit Reformen. Sie bleiben. Sie haben sich tief in die Herzen derer gegraben, die damals betroffen waren, so wie bei meiner Familie und mir. Normalerweise feiern wir Menschen ja Jubiläen. Man wird es mir nachsehen, dass ich dazu nicht imstande bin. Dennoch wird dieser Tag mir immer im Gedächtnis sein, ob ich will oder nicht. Es ist ein besonderer Tag in meinem Leben, keine guter, aber dennoch ein besonderer.

25 Jahre – Eine traurige Bilanz

Was nun hat sich getan in den letzten 25 Jahren? Was ist aus den Opfern von damals geworden? Was wurde aus den einstigen Tätern? Irgenwie ist es still geworden um die DDR. Die Täter wird das freuen. Vermutlich werden sie nicht gern daran erinnert, wofür sie noch heute die Verantwortung tragen. Aber nicht nur die Täter sind auf diesem Ohr taub. Auch die Bundesrepublik Deutschland, die rechtliche Nachfolge der DDR, mag sich damit nicht auseinandersetzen. Schnell hat man vor ein paar Jahren eine sogenannte Opferrente zusammengestrickt. Leider bekommt sie noch lange nicht jedes Opfer. Man muss ein halbes Jahr inhaftiert gewesen sein und zudem wirtschaftlich als bedürftig gelten. Und was ist mit denen, die drei Monate in Stasihaft verbrachten? Ich wünsche denen, die dieses Gesetz verfasst haben, eine solche Erfahrung nicht, aber hätten sie die gehabt, würde das Gesetz mit Sicherheit anders aussehen. Nicht die letzten Tage einer Haft sind die schlimmsten. Nicht die letzten Tage verursachen das Trauma! Es sind vielmehr die ersten Tage, die dein Leben völlig auf den Kopf stellen, insbesondere der Tag der Verhaftung. Das erste Mal in deinem Leben Handschellen. Das erste Mal in deinem Leben Gefangenentransport in einer lichtlosen Kiste.

Das erste Mal in deinem Leben wirst du gedemütigt, musst dich entkleiden, während dir fremde Mensche dabei zusehen und es genießen, wie du dich schämst. Das erste Mal in deinem Leben stehst du nackt und mit gespreizten Beinen, mitten in einem Raum und lässt dir vom Wachpersonal in alle Körperöffnungen schauen. Ich habe zum Glück keine Erfahrung als Vergewaltigungsopfer. Aber so in etwa stelle ich mir das Gefühl vor. Sie dringen gewaltsam in dich ein. Gegen deinen Willen gehen sie über deine Grenzen. Sie nehmen sich, was sie wollen und du bist machtlos dagegen. Zum ersten Mal kommst du in Einzelhaft, eine kleine Zelle, kein Fenster, nur Glasbausteine, eine Holzpritsche mit Seegrasmatratzen, die Kloschüssel mitten im Raum. Zum ersten Mal wird dir alles weggenommen, was dir gehört. Du bist ein Niemand, du verlierst deinen Namen. Dafür bekommst du eine Nummer. Mit dieser Nummer hast du dich zu melden, wenn deine Zellentür aufgeschlossen wird, aufrecht stehend mit dem Rücken an der gegenüberliegenden Wand. Es ist die erste Nacht, in der du nicht schlafen kannst, weil alle halbe Stunde ein Scheinwerfer dich blendet, während die Wache draußen durch den Türspion schielt. Und du siehst das fette Auge, und glaubst, es trachte dir nach dem Leben. Es ist das erste Mal, dass du einen Fraß zur Ernährung vorgesetzt bekommst (Die Kartoffeln wurden mit Schale in die Soße geschmissen.). Es ist die erste ärztliche Untersuchung im Keller des Zellenhauses und ich fühle mich erinnert an KZ-Ärzte. Ich habe Angst, dass ich nicht wieder aufwachen werde nach der Injektion, die ich gerade bekomme. Ich habe das alles so hinzunehmen. Ich bin ein Nichts, ein Niemand. Es ist das erste mal Duschen im Keller. Die schwere Holztür schließt sich. Riegel werden vorgeschoben. Da stehst du nun nackt und hoffst, dass es nur Wasser ist, dass gleich aus den Duschköpfen kommt. Das erste Mal „Freigang“ in einem Freiluftkäfig – eine Farce!Es ist die Angst die dich zermürbt, weil du nicht weißt, was mit dir geschieht. Wird man dich je wieder frei lassen? Du hast doch nichts getan? Wird man dich verurteilen? Für wie lange? Was wird aus deiner Familie? Wird man deine Frau auch verhaften? Vielleicht ist es ja schon passiert? Und die Kinder? Kommen sie dann in ein staatliches Heim?

Jubiläum – 25 Jahre Nichts

Ich habe all das erlebt und noch vieles mehr. Als ich dann nach drei Monaten irgendwann verurteilt war und in den normalen Strafvollzug überwechseln musste, war ich erleichtert. Es war zwar immer noch ein Knast, aber hatte mit dem Stasiknast nicht mehr viel gemeinsam. Hier waren die Zellen tagsüber offen. Hier durfte man arbeiten. Hier durfte man Fernsehen. Kein Vergleich! Für mich war es hier wie in einem kleinen Paradies, im Gegensatz zu dem, was ich vorher hatte. Und von diesem „Paradiesknast“ hatte ich zweieinhalb Monate zu wenig, um auch eine Opferrente wegen Verfolgung zu bekommen. Hah! lch lach mich tot! Und wieder einmal zeigt sich, dass es hier nicht wirklich um die Opfer geht, sondern nur darum, den Schein zu waren. Die Opfer sind in Deutschland noch immer am A… Für Täter gibt der Staat hundertfach mehr aus, als für die Opfer. Opferhilfe in Deutschland ist nichts als Makulatur! Sie wurde eingerichtet, damit man sagen kann: „Wir haben ja eine Opferhilfe.“ Aber sie ist nicht mehr als ein Papiertiger. Die Regeln sind so, dass die Hilfen die Opfer oft nicht erreichen können. Und das gilt generell, nicht nur für Opfer der DDR-Diktatur.

Mir ist Unrecht angetan worden!!! Ich schreie es hinaus in die Welt! Es war Unrecht. Aber niemand will dafür einstehen. Aufgrund schwerer Depressionen bin ich vorzeitig verrentet worden. Damals war ich 48. Eine kleine Zusatzrente würde mir gut tun und steht mir, wie ich finde, auch zu. Also habe ich einen Antrag auf Anerkennung von Haftfolgeschäden gestellt. Sechs Jahre wurde dieser Antrag bearbeitet, drei Jahre länger als einst mein Ausreiseantrag. Allein das ist schon ein Jammer! Zum Glück habe ich die lange Bearbeitungszeit überlebt.

Zwischenbescheide gab es nie, nur spärliche Erklärungen auf Anfrage.  Am Ende wurde der Antrag abgelehnt. Man könne nicht erkennen, dass meine Depression von der Haftzeit her rühre, schließlich habe ich doch noch zwanzig Jahre lang funktioniert. Ich möchte den Menschen sehen, der durch diese Mühle gegangen ist und für den es keine traumatische Erfahrung war. Ich fühle mich verhöhnt. Rechtsmittel habe ich nicht eingelegt, es ist ja derselbe Staat, der die erste Entscheidung getroffen hat und mit dem Staat legt man sich besser nicht an, egal ob in Ost oder West, das habe ich nun begriffen…

 

Quellen zu „1. September – Weltfriedenstag“ 
Foto: johnnyb / pixelio.de

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