Die DDR und die Stasi – Mein Stück deutsche Geschichte
Eine Seite gegen das Vergessen, Verniedlichen und die Ignoranz

Die Gerichtsverhandlung

Stasi-GerichtEs war ein sonniger Herbsttag, der 24. Oktober 1988 und das passte so gar nicht zu dem, was ich fühlte und was an diesem Tag geschehen sollte. Nach langem Warten in alten Gefängnismauern war es nun endlich soweit. Heute sollte meine Gerichtsverhandlung stattfinden. Schon vor Tagen hatte ich die Anklageschrift des Staatsanwaltes zur Einsicht bekommen. Man warf mir „Öffentliche Herabwürdigung der sozialistischen Ordnung“ vor, weil ich einen Beschwerdebrief an den Rat des Kreises, Abt. Innere Angelegenheiten geschrieben hatte.

Vor der Verhandlung

Ich bekam Zivilkleidung durch die Zellenluke gereicht und musste mich umziehen. Der Transport zum Gerichtsgebäude erfolgte in einem normalen Barkas mit Fensterscheiben. Das letzte Mal als ich in einem Auto fuhr, war es noch der dunkle Verschlag. Nimm dem Menschen alles, dann freut er sich über wenig. Es war schön, die Sonne zu sehen, wenngleich mir auch klar war, dass diese Fahrt hier nicht in Freiheit enden würde. Bis zur Verhandlung wurde ich im Keller des Gerichtsgebäudes in eine winzige Zelle eingeschlossen, die nicht größer war als eine Toilette. Da saß ich nun und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Es dauerte gefühlte drei Stunden, bis ich endlich Schritte hörte und man mich aus dieser Bucht wieder heraus holte. Mir wurden diesmal keine Handschellen angelegt, sondern man verwendete eine sogenannte Knebelkette, die um das Handgelenk des Gefangenen gewunden wurde. Die Enden der Kette hatte der Wachmann in der Hand, so war er sicher dass ich nicht davon laufen konnte.

Die Anklage

Auch wenn meine Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden sollte, so war doch das Gerichtsgebäude ein öffentliches Gebäude und ich hätte leicht weglaufen können, glaubte man. Die Mühe hätte man sich allerdings sparen können, denn diese Art Freiheit war keine Freiheit und nicht mein Begehren. Auf dem Flur zum Gerichtssaal traf ich meine Frau. Sie hatte sich unter dem Vorwand einer anderen, öffentlichen Gerichtsverhandlung beiwohnen zu wollen, Zutritt zum Gebäude verschafft. Ich freute mich, sie zu sehen. Das gab mir Kraft. Es gab nicht mehr viele Menschen, die jetzt noch zu mir halten mochten…

Es war ein großer Gerichtssaal, in den ich geführt wurde. Ich musste ziemlich weit vorn in der Mitte Platz nehmen. Mein Anwalt saß nicht neben mir, sondern neben dem Staatsanwalt, zur Rechten der Richter und Schöffen. Auch wenn diese Sitzordnung sicherlich nicht etwas bewusst zum Ausdruck bringen sollte, tat sie genau dies. Er war nicht an meiner Seite. Im hinteren Teil des Saales hatten einige Menschen Platz genommen, darunter auch meine Frau. Ich kannte die anderen Leute nicht, vermutlich waren es Stasileute. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht, dass die Verhandlung nicht öffentlich sein sollte.

Es begann mit der Verlesung meiner Personalien. Ich hatte die Richtigkeit der Angaben zu bestätigen. Im Anschluss daran wurde verkündet, dass die Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden würde und der Richter forderte die Anwesenden sogleich auf, den Gerichtssaal zu verlassen. Wenn meine Frau jetzt auch gehen musste, so wusste ich doch: Sie war da. Und das gab mir ein gutes Gefühl.

Nun wurde die Anklageschrift verlesen. Der Staatsanwalt führte weiter aus, dass ich geständig sei und zweifelsfrei nachgewiesen werden könne, dass ich ein Schreiben, das geeignet sei, die öffentliche Ordnung der DDR herab zu würdigen, in Umlauf gebracht habe. Dies erfülle den Straftatbestand der Öffentlichen Herabwürdigung nach §220 StGB der DDR. Ich bestritt zwar den Tatbestand der „Öffentlichen“ Herabwürdigung, aber bestätigte, den bewussten Brief an den Rat des Kreises verfasst und versandt zu haben.

Im Namen des Volkes

Warum mein Anwalt überhaupt da war, weiß ich nicht. Er hatte den erhobenen Vorwürfen nichts entgegen zu setzen und folgte letztlich dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Nun zog sich das Gericht zur Beratung zurück. Wahrscheinlich haben sie hinter verschlossenen Türen gefrühstückt oder ein Buch gelesen. Mit Sicherheit haben sie sich nicht wirklich beraten, denn das Urteil stand schon vorher fest: Schuldig im Sinne der Anklage. Und so kam es wie es kommen musste. Nach dem Richter und Schöffen in den Gerichtssaal zurück gekehrt waren und ich mich erhoben hatte, wurde das Urteil verkündet. Ich wurde für schuldig befunden. Ein Strafmaß wurde noch nicht genannt, das sollte zu einem späteren Zeitpunkt bekannt gegeben werden.

Nun war ich ein verurteilter Straftäter. Mein Anwalt riet mir vor der Verhandlung, das Urteil anzunehmen und nicht in Berufung zu gehen, dadurch würden sich meine Ausreisechancen erhöhen und dem folgte ich auch. Zwei Tage später wurde dann bei einem weiteren Gerichtstermin das Strafmaß verkündet: Ein Jahr und zwei Monate Haft. Weil ich keine Berufung einlegte, war das Urteil sofort rechtskräftig.

Und das hatte tatsächlich einen Vorteil für mich: Ich kam endlich aus der U-Haft der Stasi frei. Da ich vor dem Gesetz der DDR nun ein ganz normaler Straftäter war, wurde ich auch wie ein solcher behandelt. Und einige Zeit nach der Verkündigung des Strafmaßes in den Strafvollzug nach Karl-Marx-Stadt verlegt. Dort unterstand ich nun nicht mehr dem Ministerium für Staatssicherheit, sondern dem Ministerium des Innern wie jeder ganz normale Verbrecher.

 

Quellen zu „Die Gerichtsverhandlung“
Foto: Tim Reckmann  / pixelio.de

Schreibe einen Kommentar