Die DDR und die Stasi – Mein Stück deutsche Geschichte
Eine Seite gegen das Vergessen, Verniedlichen und die Ignoranz

Eine Kindheit im Sozialismus

Coswig, das ist eine kleine Stadt inmitten der DDR, am Ufer der Elbe. Sachsen Anhalt hieß die Gegend früher und heute wieder, während der DDR-Zeit war vom Bezirk Halle die Rede. Lutherstadt Wittenberg war nicht weit entfernt und in der anderen Richtung lag Dessau als nächste größere Stadt. Hier wurde ich 1960 als drittes Kind einer wohl eher durchschnittlichen Arbeiterfamilie  geboren. Mein Vater war damals Maurer, meine Mutter arbeitete als Sachbearbeiterin in einem Großhandelsunternehmen. Ich hatte einen sieben Jahre älteren Bruder, den meine Mutter schon mit in die Ehe brachte. Und ich hatte eine Schwester. Sie hieß Reni, starb aber schon als kleines Kind, noch bevor ich geboren wurde. Vielleicht war das aber überhaupt der Grund dafür, dass es mich heute gibt? Das glaube ich jedenfalls, denn ich wurde etwa ein Jahr nach ihrem Tod geboren und so hätten wir beide uns so oder so wohl nie kennen gelernt.

Meinen Bruder, den habe ich aber kennengelernt und ich mochte ihn sehr. Es ist toll, einen großen Bruder zu haben, wenn man ein kleiner Junge ist. Natürlich fand ich ihn nicht immer toll und manchmal sogar richtig doof, besonders dann, wenn er Dinge tun durfte, die mir Dreikäsehoch noch nicht erlaubt waren. Dafür hatte ich dann absolut kein Verständnis, denn er war ja schließlich nichts besseres und dass er soviel älter war, dafür hatte ich noch kein Gefühl. Für mich war er einfach mein Bruder Uwe.

Wir lebten in einer Siedlung am Rande der Stadt und konnten ein kleines Häuschen unser eigen nennen. Oben wohnte meine Oma, der eigentlich das Haus einmal gehörte, aber sie hatte es gegen ein Dauerwohnrecht ihrem Sohn, also meinem Vater überschrieben. Wir wohnten unten in 2 Zimmern mit Küche, hatten aber im Obergeschoss noch einen behelfsmäßigen Schlafraumes für uns Kinder, ein ehemaliger Heuboden, der später sogar zu einem richtigen Kinderzimmer ausgebaut wurde.

Wir hatten eine für die damalige Zeit normale Kindheit. Kinder waren nicht unbedingt der Nabel der Welt, so wie das heute ist. Wir wurden mehr oder weniger auf der Straße groß, hatten aber pünktlich zu den Mahlzeiten zu Hause zu sein. Und wenn nicht, gab´s etwas an die Ohren. Das war so zu jener Zeit. Wer seine Kinder nicht schlug (erfreulicherweise gab es auch solche Eltern), galt gemeinhin als Weichei und Versager, der sich von seinen Plagen auf dem Kopf herum tanzen ließ. Also mein Vater war jedenfalls kein Versager, sondern ein richtiger Kerl! Er hatte keine Angst vor uns Kindern und vor seiner Frau auch nicht. Aber auch meine Mutter stand in dieser Beziehung ihren Mann. Notfalls nahm sie sich Gegenstände zur Hilfe, um ihren Argumenten die nötige Schlagkraft zu verleihen. Trotzdem (oder gerade deshalb?) haben wir unsere Eltern geliebt und ließen nichts auf sie kommen. Ich habe mich später sogar einmal in der Schule geprügelt, weil ein Klassenkamerad es wagte, meinen Vater eine Kittelschlampe zu nennen. Der Arme, er möge mir verzeihen, hatte ich doch seinen Vater zuvor einen Glatzenschneider (zu unserer Zeit ein kindersprachlicher Ausdruck für Friseur) genannt.

Leider verstarb meine Mutter viel zu früh. Sie hatte Leukämie. Ich war damals sechs Jahre alt und habe sie sehr vermisst. Es hieß, sie sei jetzt im Himmel und könne mich sehen, aber das konnte mich nicht besonders trösten. Ich konnte sie ja nicht mehr sehen.Sie fehlte mir einfach. Ich konnte das nicht verstehen.

Weil mein Vater den ganzen Tag arbeitete, übernahm meine Oma die Haushaltsführung. Sie kündigte dafür ihre Arbeitsstelle in der ortsansässigen Zündholzfabrik und sorgte fortan für Ordnung und Sauberkeit und dafür, dass jeden Tag etwas zu essen auf den Tisch kam. Sie erhielt dafür ein so genanntes Haushaltsgeld von meinem Vater, womit sie auskommen musste. Aber zum Glück hatten wir einen großen Garten und Hühner und Kaninchen, so dass wir uns zu einem doch beachtlichen Teil selbst versorgen konnten. Hunger kannten wir nicht.

Nach dem Tod meiner Mutter und dem seither vergangenen Trauerjahr sah mein Vater sich wieder nach einer Frau um und hatte auch relativ schnell Erfolg damit. Mein Vater war ein attraktiver Mann, der es nicht schwer bei den Frauen hatte. Er hatte einfach Charme und konnte sie um den Finger wickeln, ganz anders als später sein Sohn. Und so versprach er mir, dass ich bald eine neue „Mutti“ bekommen würde, wie es bei uns zu Hause hieß. Darüber freute sich der kleine Frank, denn nichts vermisste er so sehr wie seine Mama. Was er nicht wusste war die Tatsache, dass man eine Mutter nicht einfach ersetzen kann. Aber er lernte seine Lektion schnell.

Mein Vater lernte also wieder eine Frau kennen, besser gesagt ein Mädchen. Ich weiß nicht, wie alt sie war, als sie sich kennen lernten. Ich weiß nur noch, dass ich auf einmal noch einen Bruder hatte, sie aber noch ein halbes Jahr mit der Hochzeit warten mussten, weil meine neue Mutti noch nicht achtzehn war. Ich muss hier sicher nicht ausführen, was es für ein siebzehnjähriges Mädchen bedeutete, in einer Familie mit zwei Jungen, acht und fünfzehn Jahre alt, in der gerade die Mutter gestorben war, eine Lücke füllen zu sollen. Das das nicht ging, begriffen wir wohl alle schnell. Einzig mein Vater glaubte an das Unmögliche und um es ihr wohl etwas leichter zu machen, ordnete er an, dass ich „Mutti“ zu ihr zu sagen hätte. Schon bei dem Gedanken daran schnürte es mir die Kehle zu. Ich vermied dieses Wort, so gut ich konnte – und ich konnte es gut. Anstatt zu rufen, suchte ich sie sie solange im Haus oder Garten, bis ich sie fand und konnte sie dann einfach mit „du“ ansprechen. Allerdings bemerkte sie meine Vermeidungsstrategie recht bald. Vielleicht fühlte sie sich dadurch in ihrer leitenden Stellung untergraben? Ich habe es nie erfahren und kann sie heute auch nicht mehr dazu fragen. Sie ist inzwischen verstorben. Sie bemerkte es also und beschwerte sich bei meinem Vater, als der eines Tages von der Arbeit heim kam. Das machte ihn ungeheuer wütend und war ihm eine ordentliche Tracht Prügel wert. Aber das Schlimmste war, dass ich mich sofort bei ihr dafür entschuldigen musste. Ich könnte heute noch kotzen, wenn ich daran denke. Ich musste mich entschuldigen, dabei tat man doch mir etwas an? Ich entschuldigte mich. Was blieb mir denn auch anderes übrig? Aber ich hasste sie fortan dafür. Meinen Vater den hasste ich nicht. Der konnte ja nichts dafür, dass sie so war. Er tat es ja nur, weil er es musste…

Meine Stiefmutter und ich wurden auch in den folgenden Jahren keine Freunde. Es war eine nette kleine Familie mit Vater, Mutter, Kind und Hund und dann, ach ja, dann gab es mich noch. Mein großer Bruder hatte sich inzwischen längst aus dem Staub gemacht. Er ging freiwillig in ein Internat und kam nie wieder. Nun, aus heutiger Sicht kann ich es ihm nicht verdenken, aber damals fand ich das voll doof. Zum Glück gab es da noch meine Oma. Bei ihr erfuhr ich, was es bedeutet, selbst eine Bedeutung zu haben. Sie liebte mich fast wie ihr eigenes Kind und sorgte emotional für mich. Sie ging auch zu meinem Vater, wenn meine Hosen längst schon zu kurz waren oder die Schuhe zu eng und mahnte neue Bekleidung für mich an. Sie hatte immer Zeit für mich. Ich wünsche jedem Menschen eine solche Oma, wie ich sie als Kind hatte. Aber wenn ich noch einmal darüber nachdenke, dann wünsche ich lieber, dass kein Mensch eine solche Oma braucht, weil er ja liebende Eltern hat.

In der Schule hatte ich keine Schwierigkeiten. Ich war unter den besten Drei der Klasse. Nur in Betragen gab es immer wieder Probleme. Was ich zu Hause nicht durfte, erlaubte ich mir in der Schule. Ich war aufmüpfig gegenüber meinen Lehrern und da ich nicht dumm war, verstand ich es auf subtile Art und Weise immer an der Grenze des gerade noch Erlaubten entlang zu marschieren. Ja, ich habe sie ordentlich genervt. Aber sie taten das ja schließlich auch mit mir. Die Schule in der DDR, ich besuchte sie von 1967 bis 1977, entsprach noch der Rohrstockschule von „vor dem Krieg“, nur das Rohrstöcke im Sozialismus verboten waren. Manche Lehrer stammten auch noch aus jener Zeit. Das waren die schlimmsten, denen „rutschte“ auch noch manchmal die Hand aus.

Es war alles durchorganisiert. Zweierreihen, Fahnenappell, Pionierkleidung. Die Klasse stand auf, wenn der Lehrer den Raum betrat. Kommunistische Lieder und Gedichte. Wir konnten die Internationale singen, kannten aber die Beatles nicht. Die waren verboten. Es gab drei Bankreihen in der Klasse. Jede Bankreihe war eine so genannte Brigade. Jeweils ein Schüler wurde vom Lehrer zum Brigadeleiter ernannt. Es war seine Aufgabe, in der Pause, die Hausaufgaben aller Schüler auf Vorhandensein zu prüfen, ebenso wie Hefte und Bücher und andere Materialien, die für die betreffende Unterrichtsstunde verlangt wurden. Nach dem dann der Lehrer die Klasse begrüßt hatte und die Klasse den Lehrer, mussten die Brigadeleiter dem Lehrer Meldung erstatten. Das ging etwas so: „Frau Meier, Brigade eins – alles in Ordnung! “ oder eben: „Frau Meier, Brigade zwei – nicht in Ordnung! Frank und Klaus haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht und Regina hat kein Mathebuch mit!“ Auf diese Weise wurde uns Kindern ganz nebenher mit beigebracht, dass es völlig normal ist, seine Kameraden zu kontrollieren und dann zu verraten. Ich ging nie gern zur Schule, obwohl mir das Lernen leicht fiel. Wir mussten soviel Schrott lernen. Die sozialistische Ideologie war allgegenwärtig. In jedem Klassenraum hing ein Bild von Walther Ulbricht, später dann von Erich Honnecker. Praktischerweise war Lotte Ulbricht, die Frau von Walther Ulbricht, dem  Vorsitzenden des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und Staatsratsvorsitzenden der Deutschen Demokratischen Republik, Ministerin für Volksbildung. Da blieb die Bildungspolitik quasi in der Familie. Mangels Erfolgen oder Überzeugung beweihräucherte man sich täglich mit irgendwelchen Titeln (siehe Lotte Ulbricht) und Floskeln und beschwor den siegreichen Kampf des Sozialismus gegen den Imperialismus als aggressive Form des Kapitalismus. Kein Wunder, dass mir das System auf die Nerven ging! Allein schon dieses komische Deutsch! Das war die staatliche Seite der DDR, zu erleben in Schulen, Kindergärten, Kinderkrippen, Behörden und Medien. Es gab übrigens nur staatliche Medien. Ich selbst fand da keinen Zugang. Aber es gab auch eine zivile Seite, nämlich die, die jeder Mensch in seinem Herzen trug. Es waren längst nicht alle Kommunisten! Wir hörten heimlich Westradio und guckten Westfernsehen. An Zeitungen war leider nicht heran zu kommen. Aber gut, dass es wenigsten den Radiofunk gab. So erfuhren wir immerhin, was wirklich in der DDR und in der Welt geschah und wie andere Länder auf die DDR sahen. Und das, was ich auf diesem Wege erfuhr, deckte sich mit meinen Erfahrungen und entsprach meinem Erleben. Ich fragte mich, wieso die Medien im Westen wahrheitsgemäßer berichten konnten, als unsere eigenen Medien und ich konnte es mir nicht erklären. Jedenfalls baute ich so mit der Zeit Vertrauen in Richtung Westen auf und orientierte mich, um informiert zu sein, deshalb fortan eher dort als in Richtung Osten.

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