Die DDR und die Stasi – Mein Stück deutsche Geschichte
Eine Seite gegen das Vergessen, Verniedlichen und die Ignoranz

Einzelhaft

GefängnistürEs gibt Dinge, an die gewöhnt man sich nicht, heißt es. Was aber, wenn einem gar nichts anderes übrig bleibt? Dann ist wohl einzig die Hoffnung dazu in der Lage, das eigene Überleben zu sichern. Wir Menschen sind dazu geboren, in Freiheit zu leben. Freiheit ist eines der ganz großen Grundbedürfnisse eines jeden Menschen. Aber Freiheit ist auch etwas, das man sich im Inneren bewahren kann, wenn es einem im Außen genommen wurde. „Die Gedanken sind frei“ so richtig verstand ich den Wert und die Aussage dieses Liedes erst hier, in den Mauern des Roten Ochse in Halle in der Straße Am Kirchtor 12a.

Ungewissheit

Von den vielen Wochen Untersuchungshaft war die erste Woche gefühlt die längste. Und mit Sicherheit war dies nicht nur so, weil sie nach dem Tod meiner Mutter, den bislang größten Bruch in meinem Leben darstellte. Es war der Entzug jedweden menschlichen Kontaktes. Es war die Einzelhaft, die mich zunehmend zermürbte. Wie ich später erfuhr, gehörte diese Praxis zum Standardrepertoire der Stasi. Man verfuhr so, um die Gefangenen gefügig, gesprächig zu machen. Der Vernehmer würde es irgendwann sein, der mit einem spräche, der als Vertreter der menschlichen Spezies zu mir in Kontakt treten würde.

Einsamkeit kann grausam sein. Schlimmer war nur noch eines und das war überhaupt das Schlimmste während der ganzen Zeit. Es war nicht die verlorene Freiheit, auch wenn dies schlimm war. Es waren nicht meine Frau und meine Kinder, die mir so sehr fehlten, auch wenn dies schlimm war. Es war nicht der Schweinefraß, den man mir servierte und der zynische Umgang mit mir. Das Schlimmste in all den Tagen war die Ungewissheit, in der man mich leben ließ. Würde ich jemals meine Familie wiedersehen? Würde ich das hier überleben oder ließe man mich einfach so verschwinden. Herzversagen sollte eine häufige Todesursache gewesen sein in Haftanstalten. Diese und ähnliche Gedanken bemächtigten sich meiner immer wieder in jenen ersten Tagen meines Aufenthaltes. Die Tage vergingen und nichts passierte. Und diese Tage waren lang. Tausende Male hatte ich die Wärter schon auf meine Zelle zukommen hören, aber dann waren es doch jedesmal andere Schlösser gewesen, in denen sich die Schlüssel. Meine Zellentür blieb zu.

Rote Lampen

Irgendwann war es dann aber soweit. Meine Tür wurde aufgeschlossen. Ich musste mich erheben und mit dem Rücken an die der Tür am weitesten entfernte Wand stellen. Dann musste ich mich mit meiner Häftlingsnummer melden. Ich wurde aufgefordert, mitzukommen. Ich weiß nicht mehr, ob es morgens oder abends war. Irgendwie war das auch nicht mehr wichtig gewesen, Ich weiß nur noch, dass ich froh war, dass endlich etwas zu passieren schien. Ich musste neben den Zelleneingang treten mit dem Gesicht zur Wand. Ich kannte das Procedere schon vom täglichen Freigangritual. Der Bereich, wo ich zu stehen hatte, war farblich markiert und sollte sicherstellen, dass ich dem Schließer nicht gefährlich werden konnte, während er die Zellentür wieder abriegelte. An den Wänden im Zellentrakt waren Lampen montiert, die rot aufleuchteten. Dieses Licht signalisierte dem Wachpersonal, dass sich gerade ein Häftling außerhalb seiner Zelle bewegt. Jetzt durfte keine weiterer Häftling mehr aus der Zelle geholt oder in diese zurück gebracht werden, denn auf keinen Falle durften sich zwei Häftlinge begegnen. Das System funktionierte. Es ging ein Treppenhaus hinab. Auch hier überall die Lampen und Reißleinen an den Wänden. Hierüber konnten die Schließer jederzeit Alarm auslösen. Vom Treppenhaus aus ging es in einen Tunnel. Der Tunnel verband das Hafthaus mit dem Vernehmergebäude. Den Tunnel gibt es heute nicht mehr und im Vernehmergebäude wurde eine Gedenkstätte für die Opfer der DDR-Diktatur eingerichtet. Das Hafthaus dient noch heute als Gefängnis. Eine gruselige Vorstellung. Ich kann nicht nachvollziehen, wie Menschen so entscheiden konnten und ich erklärte es mir so, dass es ehemalige DDR-Angehörige gewesen sein mussten, die die Nachnutzung der Stasihaftgebäude als Bundesjustizvollzugsanstalt für eine gute Idee hielten. Es fehlte einfach an Sensibilität. Dann hätte man doch die ehemaligen Konzentrationslager auch in dieser Weise nutzen können, oder? Die Menschen, die dies so entschieden, wussten vermutlich nicht, was sie taten und dass sie erheblich zu einer Retraumatisierung beitrugen.

Vernehmung durch einen Stasioffizier

Das Vernehmungszimmer war eher klein und spartanisch ausgestattet. Es gab einen Schreibtisch mit Schreibmaschine und einen separaten kleinen Tisch mit zwei Stühlen. Der Gefängniswärter wurde geheißen, den Raum zu verlassen und der vernehmende Offizier forderte mich auf, an dem kleinen Tisch Platz zu nehmen. Er war etwa 10 Jahre älter als ich, jedenfalls wirkte er so. Er trug einen Anzug und eine Krawatte und machte einen eher ungefährlichen, fast schon symphatischen Eindruck auf mich.  Mit einem Blatt Papier und einem Stift setzte er sich mir gegenüber. Das Gespräch dauerte nicht allzu lange. Es ging noch einmal um mein Geständnis, dass ich bereits am 1. September in der Kreisdienststelle des MfS in Roßlau abgelegt hatte. Ich fragte nach meiner Frau und meinen Kinder und er teilte mir mit, dass sie vorerst noch zu Hause wären. Ich würde demnächst eine Schreiberlaubnis bekommen, wenn ich mich kooperativ zeigte. Ich hatte Angst um meine Familie. Als er alles protokolliert und ich unterschrieben hatte, griff er zum Telefon und ordnete meine Rückführung in die Zelle an. Es dauerte eine ganze Zeit, bis sich die Tür hinter mir dann tatsächlich öffnete. Vermutlich waren noch andere Häftlinge unterwegs und das rote Licht brannte wieder.

Das Mandat

Weitere Vernehmungen gab es nicht. Es war langweilig, auf gruselige Art langweilig. Irgendwann wurde mir eine Liste mit Anwaltsnamen herein gereicht. Ich sollte mir einen aussuchen, hieß es. Ich wollte aber keinen von denen, weil ich in Halle niemanden kannte. Stattdessen verfügte ich, das Mandat an einen Wittenberger Anwalt zu übergeben, der mich schon einmal in einer Mietsache vertreten hatte. Dies ließ man zu. Auch durfte ich nun Haftbeschwerde einlegen, was ich auch sogleich tat und zum einen mit meiner Unschuld, zum anderen mit mangelnder Fluchtgefahr begründete. Ich meine, wohin hätte ich denn fliehen sollen? Bis zur Grenze? Bis zu Mauer? Bis zum Todesstreifen? Das Gericht sah dies allerdings anders und wies meinen Antrag mit Verweis auf eine erhöhte Fluchtgefahr zurück. Sicher hatten sie dafür ein Standardformular.

Quellen zu „Einzelhaft“
Foto: Peter Reinäcker  / pixelio.de