Die DDR und die Stasi – Mein Stück deutsche Geschichte
Eine Seite gegen das Vergessen, Verniedlichen und die Ignoranz

Geburtstag hinter Gittern

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330850_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.deMenschen feiern im Allgemeinen gern. Eine Feier bietet Gelegenheit, sich mit der Familie, Freunden und Bekannten zu treffen und die Sorgen des Alltags einmal hinter sich zu lassen, unbeschwert und fröhlich zu sein. Gefeiert wurde zu jeder Zeit der Menschheitsgeschichte und in jeder Kultur. Das Feiern scheint also zum Menschen einfach dazu zu gehören.In den nächsten Tagen habe ich Geburtstag und werde ihn nach vielen Jahren der Abstinenz dieses Jahr wieder feiern. Zwar wird dies nur im kleinen Kreis statt finden – mehr traue ich mir noch nicht zu – aber immer hin! Doch während ich inmitten meiner Geburtstagsvorbereitungen stecke, holt mich meine Vergangenheit wieder ein.

Mein Geburtstag 1988 im Roten Ochsen

Mein Geburtstag ’88 war ein ganz besonderer Geburtstag. Nicht dass er besonders schön gewesen wäre und deshalb so unvergesslich, nein, es war der erste Geburtstag in meinem Leben, den ich nicht feiern durfte. Es war ein Geburtstag als frisch verurteilter Straftäter im Sinne des DDR-Gesetzbuches. Mein Vergehen bestand darin, dass ich mich mit einem Schreiben an die zuständige Stelle für meine Ausreise einsetzte. Nein, zu feiern hatte ich nichts, denn ich hatte gerade alles verloren: meine Familie, meine Arbeit, meine Hoffnung auf die Ausreise und meine Freiheit. Am schwersten jedoch traf mich, dass ich hier eingekerkert war und nicht zu meiner Familie durfte. Einmal im Monat Besuch von einer Person für eine halbe Stunde, das war nicht viel. Meine Kinder fehlten mir sehr, meine drei Mädchen, eins, drei und vier Jahre alt. Würden sie ihren Papa je wieder erkennen? Würde ich sie wieder erkennen? Nur ein Brief von einer A4-Seite pro Woche – auch das war nicht viel. Zumal die Post immer solange in der Stasi-Kontrollstelle hing, dass ich niemals Antwort auf meinen letzten Brief erhielt, sondern immer auf den vorletzten und umgekehrt. Oft wusste ich dann schon nicht mehr was ich geschrieben hatte oder brachte es mit dem Inhalt des letzten Briefes durcheinander. Missverständnisse waren die unweigerliche Folge…
Es war ein Gefühl der Schwere, das mich an jenem 2. November, meinem 28. Geburtstag, besonders plagte. Ich saß ein und wartete auf meine Verlegung in den Strafvollzug. Die Stasi war fertig mit mir. Sie hatte bekommen, was sie wollte. Sie hatte mein Geständnis. Nur meine Familie und ich hatten nicht bekommen, was sie wollten, würden es womöglich nie bekommen.

Das Feiern verlernt

Das Feiern ist mir vergangen seit jener Zeit. Viele Jahre habe ich nicht gefeiert, weil ich mich auf Feiern nicht mehr wohl gefühlt habe. Wenn ich es dann nach Jahren mal wieder probierte, war meine Enttäuschung stets größer als die Freude. Ich schien das Feiern verlernt zu haben. Ich schien das Ausgelassen sein, das Fröhlich sein verlernt zu haben. Es war mir unangenehm geworden. Und so mied ich jede Art von Feiern so gut es ging: Geburtstage, Weihnachtsfeiern, Teamabende… Ich hatte nichts mehr zu feiern. Ich hatte nichts mehr zu lachen. Und während ich krampfhaft versuchte, mein Leben zu leben und meine Familie zu ernähren, ein guter Vater und Ehemann, Sohn und Enkel, Angestellter, ein gutes Gemeindemitglied und ein guter Nachbar zu sein, nahm die Depression von mir Besitz mit eisiger Hand, mit festem Griff zog sie mich in ihre dunklen Gefilde, in die mir niemand folgen konnte. Jahr für Jahr nahm sie mich ein Stück tiefer zu sich, ohne dass ich auch nur eine Ahnung von dem hatte, was mit mir geschah. Und so wiederholte sich, was ich einst in den Gemäuern des Roten Ochsen in Halle erlebte. Ich war gefangen. Ich war allein. Ich war unverstanden. Niemand konnte mich erreichen und auch ich konnte niemanden erreichen. Ich war müde geworden. Müde vom vielen Kämpfen, müde vom vielen Aufrecht stehen, müde vom Leben – lebendsmüde…

Ein Vierteljahrhundert sollte lange genug sein

25 Jahre sollten genug sein, das alles zu vergessen, 25 Jahre sollten genug sein, um endlich wieder feiern zu können! Die Wahrheit ist: Die Depressionen sind immer noch da. Zwar geht es mir inzwischen deutlich besser, aber an ein Vergessen jener Tage ist nicht zu denken. Jahr für Jahr zu dieser Zeit werde ich hinein gezogen in den Strudel finsterer Gedanken. Normalerweise beginnt das schon Mitte August, denn der 1. September ist der Tag meiner Verhaftung. Dieses Jahr war es zum ersten Mal nicht so, so dass ich mich schon freute. Aber so ganz kann sie mich anscheinend doch nicht loslassen diese Zeit, kann ich diese Zeit nicht loslassen. Zu groß war wohl die Enttäuschung jener Zeit. Es waren ja nicht nur einzelne Menschen, die mich enttäuschten, mich verrieten, sich gegen mich stellten. Es waren sehr viele Menschen, die mich enttäuschten, Menschen die mir nahe standen, Menschen die ich kannte, aber auch Menschen, die mir eigentlich egal waren. Darüber hinaus war es ein ganzes Land, ein Staatssystem, das mich enttäuschte, mich verriet. So wirklich habe ich den Glauben an die Menschheit bis heute nicht wieder finden können. Es ist mir alles noch wie gestern…

Nichtsdestotrotz werde ich dieses Jahr meinen Geburtstag feiern. Meine Kinder und Schwiegerkinder werden da sein und wir werden einen schönen Tag miteinander haben. Ein Vierteljahrhundert Abstinenz muss reichen! Ich tue mir doch nur selbst weh, wenn ich mir das Feiern weiterhin versage.

 

Quellen zu „Geburtstag hinter Gittern“
Foto: Stephanie Hofschlaeger  / pixelio.de

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