Die DDR und die Stasi – Mein Stück deutsche Geschichte
Eine Seite gegen das Vergessen, Verniedlichen und die Ignoranz

Gefangen in der Vergangenheit

591359_web_R_K_B_by_Alexander Dreher_pixelio.deEs ist lange her, aber vergessen werde ich diese Zeit wohl nie. Es vergeht kaum ein Tag, der mich nicht in Gedanken zurück bringt an diesen Ort, in diese Zeit, in dieses Land. Ein Land, das es heute nicht mehr gibt. Die Welt war anders zu jener Zeit, anders als wir sie heute kennen und anders, als wir es uns vorzustellen in der Lage sind. Es war eine Welt mit Stacheldraht, Schießbefehl und Selbstschussanlagen. Es war eine Welt mit einer todbringenden deutsch-deutschen Grenze, eine Welt mit geteilten Familien, geteilten Flüssen, Ländereien, Dörfern und Städten. Sogar die Hauptstadt war geteilt. Aber das wäre nicht einmal das Schlimmste gewesen, wäre die unantastbare Freiheit des Menschen, seines Denkens, Fühlens und Seins in beiden Teilen Deutschlands möglich gewesen.

 

Ich hatte das Pech auf der Ostseite der Grenze geboren zu werden. 1960, 15 Jahre nach dem verheerendsten Krieg, den die Menschheit je erlebt hat, erblickte ich das Licht der Welt in der kleinen Stadt Coswig in Sachsen Anhalt. Aber auch Sachsen Anhalt gab es zu dieser Zeit nicht. Mein Geburtsort lag seinerzeit im Bezirk Halle, im Kreis Roßlau. Und so war ich genötigt, im sozialistischen Teil unseres Landes heran wachsen zu müssen. Ich wuchs auf in einem ideologisch durchstrukturierten Staatsgebilde, indem es um Konformität und die Sache des Sozialismus ging. Individualität, Freiheit und ein in Frage stellen der gesellschaftlichen Ordnung waren nicht erwünscht, ja geradezu gefährlich.Wir mussten die Deutschen jenseits der Grenze als Kapitalisten und Feinde des Sozialismus, also als unsere Feinde betrachten. Hingegen wurde uns die Sowjetunion, als Land unserer Freunde und Befreier vom Nationalsozialismus verkauft. Diese Freundschaft war staatsverordnet. Wer etwas gegen die Sowjetunion sagte, machte sich verdächtig. Nicht einmal das Wort „Russe“ durfte offiziell Verwendung finden. Sie hießen „unsere sowjetischen Freunde“ oder eibfach nur „die Freunde“. Wir sollten uns selbst als Russen fühlen, als Teil des großen ruhmreichen Sowjetvolkes. Als ob der Westen uns überfallen hätte? Das die Sowjets so fühlten und die westliche Welt als Feind betrachteten, konnte ich hingegen gut nachvollziehen. Aber wir waren doch selbst Deutsche und damit Teil des Volkes, das den Russen den Krieg erklärt hatte. Gefühle kann man nicht verordnen und so fühlte ich weder diese verordnete Freundschaft, geschweige denn die erwartete Feindschaft gegen Westdeutschland. Ich empfand die Russen eher als das, was sie wirklich waren – eine Besatzungsmacht. 1963 betrug die Mannschaftsstärke der Sowjets in der DDR 386.000 Soldaten.  Zur Ausrüstung zählten 7500 Panzer, 100 Taktische Raketen, 484 Jagdflugzeuge, 146 Jagdbomber, 101 Aufklärungsflugzeuge, 122 Bomber und 80 Hubschrauber (Quelle: Wikipedia). Die Mannschaftsstärke der DDR-Armee belief sich hingegen auf etwa 170.000 Soldaten. Es waren also doppelt soviel Russen im Land, wie eigene Soldaten und das fühlten wir Menschen auch. Sie waren sehr präsent. Wir waren ein besetztes Land und das kam der Wirklichkeit mit Sicherheit um einiges näher als die Mär von der Freundschaft der Sowjetunion.

 

Es war eine Zeit staatlicher Vorgaben und Kontrollen. Es war ein Polizeistaat mit einem ausgeklügelten System an bewaffneten Gruppierungen zur Aufrechterhaltung des sozialistischen Staatsgebildes. So gab es neben der nationalen Volksarmee (NVA) die Grenztruppen der DDR, die Polizei, die Bereitschaftspolizei, die Wasserpolizei, die Bahnpolizei und das Ministerium für Staatssicherheit, kurz Stasi genannt. Hinzu kamen millitärische Organisationen wie die Kampfgruppen der Arbeiterklasse und die Gesellschaft für Sport und Technik (GST), eine militärische Jugendorganisation. Darüber hinaus gab es freiwillige Zivilmitarbeiter z.B. bei der Polizei, sogenannte Hilfspolizisten sowie bei der Stasi IM´s, also inoffizielle Mitarbeiter. Und über allem wachte das allgegenwärtige Auge des „großen Bruders“, der Sowjetunion mit seinem KGB (sowjetischer Geheimdienst). Der heutige Präsident Russlands, Wladimir Putin spricht deshalb so gut deutsch, weil er als Oberstleutnant des KGB, das ist ein hoher Offiziersdienstgrad und deutet auf die Stellung eines stellvertretenden Leiters einer KGB-Residentur hin, jahrelang im Raum Dresden aktiv war.

 

In diesem Land durfte ich also leben. Ich durfte zur Schule gehen und einen Beruf erlernen. Ich durfte arbeiten und Geld verdienen. Ich durfte sogar meinen katholischen Glauben leben und sonntags zur Kirche gehen, aber das wurde schon nicht mehr so gern gesehen. Ich durfte eigentlich eine ganze Menge – nur eines durfte ich nicht – ich durfte diese Staatsordnung nicht blöd finden, sie nicht in Frage stellen. Das stellte ein Problem für mich dar, denn ich fand die DDR ziemlich blöd, genau genommen saublöd! Eine Ideologie von Dumm- und Betonköpfen! Man lehrte uns Menschlichkeit und Gerechtigkeit, aber praktizierte Vorteilsnahme und Unterdrückung.In so einem Land wuchs ich also auf und es war irgendwie klar, dass ich eines Tages mit der Staatsdoktrin in Konflikt geraten musste, denn so gut ich mich auch anpasste, gab es Grenzen in mir, die ich nicht zu überschreiten bereit war. Wozu das schließlich führte, will ich in diesem Blog nach und nach erzählen. So wie es mich beschäftigt, will ich es aufschreiben, zum Einen damit es nicht in Vergessenheit gerät, damit es am Ende nicht heißt: „Ach, das war alles gar nicht so schlimm!“. Zum Anderen damit ich vielleicht irgendwann einmal abschließen kann mit dieser zum Teil ziemlich finsteren Episode meines Lebens.

 

Quellen zu“Gefangen in der Vergangenheit“
Foto: Alexander Dreher  / pixelio.de

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