Die DDR und die Stasi – Mein Stück deutsche Geschichte
Eine Seite gegen das Vergessen, Verniedlichen und die Ignoranz

Jugend im SED-Staat

65201_web_R_by_kertho_pixelio.deMeine Jugendzeit war ziemlich unspektakulär. Ich war wie alle Jungen in dem Alter. Mit der Schule hatte ich nicht viel am Hut, dafür wollte ich Moped fahren und Mädchen abschleppen. Das Moped fahren habe ich gelernt. Das mit den Mädchen lief nicht so gut. Bei denen, die mir gefielen, hatte ich keine Chance, die hielten sich an ältere Jungen. Und die, bei denen ich hätte landen können, waren mir zu jung. Ich habe auch einen Tanzkurs besucht. Das Tanzen hat mir Spaß gemacht, obwohl aus mir nie ein großer Tänzer geworden ist. Natürlich wollte ich dann auch jeden Samstag zum Tanz ins Volkshaus! Alle aus meiner Klasse taten das. Ich durfte das auch, musste aber um 10.00 Uhr schon wieder zu Hause sein. Und dabei ging es da doch erst richtig los. So verließ ich also brav gegen halb Zehn den Tanzsaal, um mich pünktlich zu Hause zurück melden zu können.  Mit gut hörbaren Schritten ging ich die Treppe hinauf in mein Zimmer, um kurz danach auf Samtpfoten und über den Balkon wieder in Richtung Volkshaus zu verschwinden. Das ging immer gut, nur einmal hatte ich wohl etwas zu viel getrunken und meine Oma bemerkte, als ich dann nach Mitternacht nach Hause kam und der ganze Schwindel flog auf. Sie hat mich aber nicht verpfiffen, denn das hätte ordentlich Prügel bedeutet.

Meinen Mopedführerschein hatte ich mit 15 Jahren. Ich war stolz wie Otto! Mein erstes Moped war eine SR2, so eine Art Damenfahrrad mit Motor. Ich habe es von einem Nachbarn abgekauft und dreißig Mark dafür bezahlt. Das Geld habe ich mir mit Ferienjobs verdient.  Wenn man 14 Jahre alt war durfte man in den Winterferien eine Woche und in den Sommerferien drei Wochen arbeiten gehen. Das habe ich mir natürlich nicht entgehen lassen und nutzte alle Ferien dazu, mir u.a. etwas Geld zu verdienen. Es war ein tolles Gefühl, ein eigenes Moped zu besitzen. Es hatte zwei Gänge und lief 50 Sachen (bergab und mit Rückenwind). Mit 16 hatte ich den Motorradführerschein. Damals konnte man sich das noch leisten. Das hatte keine hundert Mark gekostet. Mein erstes Motorrad, eine ES150 habe ich gegen einen Kurzwellenempfänger für Amateurfunker getauscht.

Ich ging gerne Angeln und traf mich mit Freunden. Eigentlich war das eine unbeschwerte Zeit. Ich nutzte jede Gelegenheit, von zu Hause weg zu kommen. In der achten Klasse stand für jeden guten Jugendlichen der DDR die Jugendweihe an. Da ich in einer katholischen Familie aufwuchs, war die Jugendweihe für mich kein Thema, denn der sozialistische Staat machte es den Kirchen schwer, wo es nur ging. In der Schule wurde unverhohlen gelehrt, dass das Christentum in der DDR nicht erwünscht, sondern nur geduldet ist. Man versuchte uns von den Lehren von Marx und Engels zu überzeugen und da hatte Glauben keinen Platz – es gab nur die „objektive Realität“. Ich ging gerne zur Kirche. Es war eine Art Heimat für mich. Ich hatte dort Freunde und verbrachte viel Zeit dort. Viele Jahre war ich als Messdiener im Einsatz. Einmal in der Woche, immer samstags trafen sich alle Messdiener beim Pfarrer zur Messdienerstunde. Unser Pfarrer spielte gern und so gab es jeden Samstag einen Spielnachmittag. Im Sommer und bei schönen Wetter spielten wir im Pfarrgarten Badminton. Es gab auch einen Raum mit einer Tischtennisplatte. Er hatte die tollsten Spiel der Welt, denn er hatte eine Tante im Westen, die ihn regelmäßig damit versorgte. Das war eine gute Zeit.

In der Schule lief es immer noch gut bis sehr gut und so meldete ich mich für die Erweiterte Oberschule (kurz EOS) an, um einmal das Abitur machen zu können. Eigentlich wollte ich gern Tierarzt werden. Aber obwohl ich einer der besten Schüler war, wurde an meiner Stelle eine Mitschülerin ausgewählt, die einen schlechteren Notendurchschnitt hatte als ich. Dafür hatte sie aber einen „besseren“ Vater. Der war nämlich SED-Mitglied und früher sogar einmal Schuldirektor gewesen. Vier Schüler pro Klasse durften zur EOS – nicht ein Einziger mehr. So blieb ich auf der normalen Schule. Die hieß bei uns Polytechnische Oberschule (POS). Ich weiß bis heute nicht, was polytechnisch bedeutet. Für mich hieß das also, dass nach der zehnten Klasse Schluss war. Das entsprach in etwa der heutigen mittleren Reife nach Verlassen der Realschule. Ich wusste nicht, welchen Beruf ich erlernen sollte. Weil ich aber gern an alten Fernsehern aus der Müllkippe herum reparierte, bis sie entweder wieder liefen oder ihren Geist in Form einer Rauchwolke für immer aufgaben, entschied ich mich für einen technischen Beruf. Lehrstellen für Fernsehmechaniker gab es nicht, so nahm ich, was ich kriegen konnte und begann eine Lehre im örtlichen Chemiewerk als BMSR-Mechaniker. Das heißt übersetzt: Mess- und Regeltechniker. Die Lehre dauerte zweieinhalb Jahre. Mein Interesse an der Ausbildung war nur mäßig. Das erste halbe Jahr musste ich eine Grundausbildung Metall absolvieren. Das stank mir ziemlich, denn schließlich wollte ich doch kein Schlosser werden. Ich hab sie gehasst, diese Feilerei! Meine Lehre schloss ich mit einer Zwei ab. Obwohl ich im Chemiewerk hätte bleiben können (in der DDR war jedem Lehrling die unbefristete Übernahme garantiert),  zog ich es vor, mir eine andere Arbeitsstelle zu suchen. Ich befürchtete ansonsten, der ewige Lehrling zu bleiben. So heuerte ich im Farbenwerk Coswig, einem kleinen Betrieb zur Herstellung von Farbpigmenten, an. Die Arbeit dort gefiel mir und zu den Kollegen hatte ich ein gutes Verhältnis. Es war ein lockerer Umgang an der Tagesordnung und neben der Arbeit, die damals im Osten nicht im Vordergrund stand, haben wir viel Blödsinn gemacht und gelacht. Es war ein tolles Gefühl, endlich richtiges, eigenes Geld zu verdienen. Leider währte diese Freude nicht lange, denn schon nach einem halben Jahr wurde ich zur NVA (Nationale Volksarmee) eingezogen.

Krank wurde man besser nicht, denn ein Recht auf freie Arztwahl hatten auch nur Zivilpersonen. Krankheiten von Soldaten wurden von Militärärzten behandelt. Für ernste Erkrankungen und Verletzungen standen eigene Militärkrankenhäuser zur Verfügung.Und das bedeutete anderthalb Jahre einen Sold von anfangs 90 später als Gefreiter 120 Mark. Das bedeutete einen Tag Urlaub pro Monat und höchstens einmal Ausgang pro Woche. Die Gefechtsstärke musste immer gehalten werden und dazu zählten auch Urlauber und Kranke. Aber mit dem bisschen Geld, von dem wir auch noch den obligatorischen Armeefriseur bezahlen mussten, konnte man sowieso nicht viel anfangen. Es war eine elende Zeit für mich, eingesperrt und rechtelos in einem Land, indem es sowieso nicht viele Rechte gab. Wir wurden erniedrigt und gequält, bis wir nicht mehr konnten. Offiziell hieß das Ausbildung. Ich musste meinen Personalausweis abgeben und mein Wehrdienstausweis war fortan mein Mittel zur Legitimation. Als Soldat unterstand ich automatisch der Militärgerichtsbarkeit, egal bei welchem Vergehen und wäre es ein Verkehrsunfall gewesen. Davor hatten wir alle Angst. Niemand wollte nach Schwedt, denn dort befand sich das Militärgefängnis der DDR. Unsere Militärstaatsanwälte und -gerichte waren dafür bekannt, nicht lange herum zu fackeln , sondern wie man so schön sagt, kurzen Prozess zu machen.

Ich habe diese Zeit überstanden mit viel Humor und noch mehr Alkohol, den wir regelmäßig in die Kaserne schmuggelten. Aber gern denke ich nicht zurück an meine Zeit als Soldat. Besonders sind mir die Tage im Gedächtnis geblieben, als der Volksaufstand in Polen von der dortigen kommunistischen Regierung mit militärischen Mitteln zerschlagen wurde. Unser Regiment in Bad Salzungen war in höchste Alarmbereitschaft versetzt worden. Wir mussten in Uniform schlafen und hatten die Kalaschnikow am Bett und nicht wie üblich in der Waffenkammer verschlossen. Wir waren jederzeit bereit in einen drohenden Krieg zu ziehen. Das waren Tage voller Angst und Unsicherheit. Womöglich wusste die zivile Bevölkerung das nicht, aber nie wieder waren wir dem Ernstfall so nahe.

Mit der Armeezeit endete abrupt auch meine Jugend. Ich habe viel über Menschen gelernt in dieser Zeit. Menschen, denen man lieber keine Macht geben sollte und solche, die versuchten ihren Platz zu finden in der Welt des Sozialismus. Trotzdem hätte ich herzlich gern verzichtet auf diese und ähnliche Erfahrungen.

Quellen zu „Jugend im SED-Staat“
Foto: kertho / pixelio.de

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