Die DDR und die Stasi – Mein Stück deutsche Geschichte
Eine Seite gegen das Vergessen, Verniedlichen und die Ignoranz

Sie spitzeln noch immer

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ÜberwachungSie wussten, was sie taten. Sie waren speziell dafür ausgebildet worden. Und sie haben ihren Job gut gemacht. Die rund 300.000 Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes der DDR, der mächtigsten Behörde des sozialistischen Staates hatten nur eine Maxime: Traue niemanden! Traue nicht deinem Nachbarn und auch nicht deinen Kollegen! Traue der Mutter mit ihrem Kind dort auf dem Spielplatz ebenso wenig, wie dem alten Mann auf der Parkbank. Alle könnten etwas im Schilde führen. Jeder von ihnen könnte ein Abweichler sein, ein Mensch mit anderen Vorstellungen vom Leben, als Partei und Regierung es propagieren. Sie könnten eventuell negative Bemerkungen machen über das sozialistische Gesellschaftssystem oder sie könnten gar damit liebäugeln, in ein anderes Land zu reisen, ein Land ihrer Wahl? Das alles musste auf jeden Fall verhindern werden. So etwas durfte nicht passieren, denn solche Beispiele hätten Schule machen können und dann würden vielleicht noch mehr Menschen den Mut haben, Kritik an Partei und Regierung zu üben. Also wurde bespitzelt. Es gab wohl niemanden, der nicht bespitzelt wurde. Bei 300.000 Mitarbeitern und insgesamt 17 Millionen Einwohnern dürfte das zu schaffen gewesen sein. Kinder waren ja noch keine Gefahr.

Stasi – Meister der Überwachung

Selbst die eigenen Leute wurden bespitzelt. Die Stasi hatte ihr Netz in jede Zelle der Gesellschaft hinein gewoben. Sie spitzelte in den Führungsetagen der volkseigenen Betriebe ebenso wie in den kommunalen Verwaltungen. Sie hatte ihre Leute in Schulen, in allen Vereinen und sogar in Kirchengemeinden. Innerhalb der Polizei wurde ebenso bespitzelt wie innerhalb der Nationalen Volksarmee und der Grenztruppen. Selbst Partei und Regierung wurden ständig überwacht, nicht zuletzt überwachte die Stasi ihre eigenen Mitarbeiter und ließ sie sich gegenseitig bespitzeln. Welchen Geistes entsprang nur solch ein Konstrukt? Es war ein kranker Mann, ein Krimineller, ein Mörder, der hier seine Fäden zog, Erich Mielke – der Minister für Staatssicherheit der DDR. Das sich Menschen gegenseitig ausspionieren, ist sicher nichts neues und auch heute noch weltweit an der Tagesordnung. Die Frage ist nur: Wie weit geht man? Gibt es ein Regulativ? Gibt es eine Grenze? Gibt es einen Bereich, eine Intimsphäre, die unantastbar bleibt? Ich denke, dass man leider auch heute diese Frage mit Nein beantworten muss. Wenn der Wahn im Kopf der sich bedroht fühlenden Regierenden zu groß wird, dann spielen die Grundrechte des Menschen scheinbar keine Rolle mehr. Das war bei der Gestapo so, das war bei der Stasi so und das finden wir unter dem Stichwort Guantanamo auch heute noch wieder. Alles und jeder wird zum potentiellen Feind erklärt, der arabisch aussieht oder jemanden kennt, der arabisch aussieht oder jemanden kennt, der jemanden kennt, der arabisch aussieht. Das dürften also in etwa alle Menschen auf diesem Globus sein.

Geheimdienstler und Paranoia

Ach, das kommt mir alles sehr bekannt vor. Diese Menschen haben sich verlaufen. Sie sind paranoid. Sie sind auf dem falschen Weg. Sie betrachten Andere als ihre Feinde, als eine Bedrohung und sind mit der Zeit ganz ergriffen von dieser Vorstellung. Sie glauben ihren Einfluss, ihre Macht, ja vielleicht sogar ihr Leben zu verlieren, wenn sie den Feind weiter gewähren lassen. Und wenn jemand aus ihren eigenen Reihen ausschehrt? Dann wird er kurzerhand ebenfalls zum Feind erklärt. Dann ist ein Edward Snowden plötzlich die meist gesuchte Person der USA, wo er doch eben noch ein gut bezahlter Staatsbediensteter war, dem man Geheimnisse anvertraute. Versteht das noch jemand? Wie soll denn Vertrauen in die Welt kommen, wen niemand bereit ist, einen Vorschuss zu zahlen? Wie soll Vertrauen in die Welt kommen, wenn jeder sagt: „Ich vertraue dir erst, wenn du auch mir vertraust!“

Viele Geheimdienste – Ein und derselbe Geist

Manchmal denke ich, dass viele der ehemaligen Stasileute einfach zu anderen Geheimdiensten übergelaufen sind. Es gibt ja genug davon in der Welt, oftmals hat ein einzelnes Land sogar mehrere Geheimdienste. Der Geist jener Zeit scheint einfach nicht aussterben zu wollen. Überwachung und Bespitzelung sind an der Tagesordnung. Meine Mails können mühelos gelesen werden und auch meine Telefonate kann man abhören und speichern. Mithilfe von öffentlichen Kameras, meinem eigenen Handy oder GPS können Bewegungsprofile erstellt werden. Die Stasi benutzte noch Wasserdampf, um an den Inhalt meiner Briefe zu kommen. Sie brauchten Wanzen, denn nur wenige Bürger durften einen Telefonanschluss ihr Eigen nennen. Heute reicht es, wenn du ein Handy hast oder einen Laptop. Jeder halbwegs ausgebildete Informatiker kann das Mikrofon in deinem Handy oder Notebook von jedem Punkt der Welt aus einschalten und dann mithören, was du so von dir gibst. Würdest du es merken, wenn die Kamera deines Laptops aus der Ferne aktiviert würde?

Vor einiger Zeit führte ich eine Fernbeziehung. Wir schrieben uns jeden Tag Emails, die in der Regel auch ankamen. Manche kamen auch nicht an, aber wenn man sie dann nochmal verschickte, erreichten sie den Empfänger. Einmal jedoch versandte ich eine Mail, die nie ankam. Ich schickte sie ein zweites und auch ein drittes Mal. Ich versandte sie von verschiedenen Absenderadressen aus, aber sie kam nie an. Sie kam nie an. Irgend ein Wort, ich habe keine Ahnung welches, muss ein Codewort gewesen sein. Irgendwo müssen kräftig die Alarmglocken geläutet haben. Ich weiß es nicht. Nach dem zehnten Versuch gab ich auf und versandte die Nachricht über meinen Facebookaccount. Nicht dass ich glaubte, Facebook würde nicht auch überwacht, nur kann ich bei Facebook sofort sehen, wenn meine Nachrichten den Empfänger erreichen. An diesem Tage wurde mir klar: Ich werde immer noch überwacht. Es hat keinen Zweck, sich auf das Recht einer Privatsphäre zu berufen. Es gibt keine. Mit den technischen Möglichkeiten steigt auch der Grad der Bespitzelung. Maschinen überwachen jetzt den Mailverkehr und hören Telefonate ab. Sie geben sofort Alarm, wenn bestimmte Begriffe benutzt werden. Auf diese Weise kann man sehr schnell einmal ins Visier der Behörden geraten. Nicht einmal das Bundeskanzleramt ist abhörsicher. Da brauchen wir uns also keinen Kopf mehr zu machen. Stasi war gestern – totale Überwachung ist heute.

Die Stasi hat gewonnen

Diese Art Umgang mit dem Mitmenschen vergiftet die Welt. Weil man mir misstraute, weil man mich ausspähte, weil man mich denunzierte und hintergang, begann auch ich zu misstrauen. Das geht zwar nicht soweit, dass ich auch ausspioniere, aber es führte zu eine Grundhaltung: Du kannst niemandem trauen. Ohne dass ich das je wollte, habe ich die Maxime der Stasi übernommen und zu meiner eigenen gemacht. Ich habe diese Zeit der Durchsetzung und Inhaftierung zwar irgendwie überstanden, aber gewonnen habe ich den erklärten Kampf nie. Heute bin ich ein gebrochener Mann. Mein Selbstbewusstsein ist im Keller. Mein Vertrauen in die Menschheit ging verloren. Ich fühle mich noch immer verfolgt. Die Stasi sitzt in meinem Kopf. Es vergeht kaum ein Tag, an dem mir das nicht bewusst wird. Sie hat Angst in mein Herz gesät, Angst und Misstrauen. Aus Misstrauen wiederum wird schnell Feindseligkeit. Sie haben meine Seele und meinen Geist vergiftet mit ihrer psychologischen Folter. Sie haben mir meine Gesundheit genommen und fast mein Leben, ja irgendwie haben sie mir sogar mein Leben genommen. Ich stehe zwar noch auf meinen eigenen Beinen, aber ist das auch mein Leben? Wäre ich heute derselbe misstrauische Mensch, wenn all dies nicht passiert wäre? Heute kämpfe ich Tag für Tag darum, mein Leben zurück zu bekommen. Ich kämpfe gegen Ängste und Depressionen und komme nur schwerlich voran. Ich bin jetzt 54. Sieben Jahre kämpfe ich schon. Vor sieben Jahren war ich am Ende, stand am Abgrund meines Lebens, bereit den letzten Schritt zu tun. Ich tat es sogar, wachte aber am nächsten Tag wieder auf und wurde notfallmedizinisch behandelt. Ich habe mich umgedreht. Der Abgrund liegt heute hinter mir. Aber wie weit bin ich von ihm entfernt? Ich wage es nicht, mich erneut umzudrehen. Ich will dort nie wieder hinkommen an diesen Punkt, wo alles ganz einfach schien…
Ich kämpfe um mein Leben. Die Stasi hat es mir genommen. Das war ihr Ziel und sie waren erfolgreich.

Bespitzelung ist Unrecht

Es ist Unrecht, Menschen zu bespitzeln. Deshalb spreche ich mich ganz klar gegen jedwede Art von Geheimdiensten aus, gleich welcher Ideologie sie eingefärbt sind. Beim Anderen zu gucken verbessert die Welt nicht. Jeder sollte seine Hausaufgaben machen, bei sich vor der Türe kehren, seine eigene Schmutzwäsche waschen und die Energie, einen Makel beim Anderen zu finden, lieber darauf verwenden, etwas Liebenswertes in der Welt zu entdecken oder etwas das unsere Hilfe und unseren Einsatz braucht. Bespitzelung ist ein destruktiver Akt. Bespitzelung hilft niemandem wirklich. Dieser geistige Ansatz vergiftet nur die Gehirne der Menschheit und verdirbt ihre Herzen.
Morgen ist mein Verhaftungstag. Daran möchte ich mit dieser Seite erinnern. Mich braucht an diesen Tag niemand erinnern. Die Stasi sitzt noch immer in meinem Kopf…

 

Quellen zu „Sie spitzeln noch immer“
Foto: pixabay.com

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