Die DDR und die Stasi – Mein Stück deutsche Geschichte
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Stasi-Gefängnis „Roter Ochse“ Halle

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roter ochse postHeute vor vielen Jahren wurde das Urteil gesprochen, das meinen Aufenthalt im Roten Ochsen alsbald beenden sollte: 14 Monate Haft ohne Bewährung wegen öffentlicher Herabwürdigung nach §220 StGB der DDR. Ich wurde dann infolge in eine Haftanstalt nach Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, verlegt. Doch werde ich die Zeit in Halle nie vergessen können. Zu tief haben sich die Erinnerungen in mein Gedächtnis eingegraben. Leider wird der Rote Ochse auch heute noch als Haftanstalt genutzt. Zu gern hätte ich mich persönlich davon überzeugt, dass das, was sich täglich in meinem Kopf abspielt, längst der Geschichte angehört. Zu gern hätte ich noch einmal einen Fuß in meine Zelle gesetzt. Aber es kam, wie so oft, alles anders…

Roter Ochse Halle – Historisches

Die Geschichte des Roten Ochsen, jenes Stasi-Gefängnisses, in dem ich 1988 meine U-Haft verbrachte, reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Im Jahre 1836 wurde der Grundstein für eine preußisch-königliche Strafanstalt gelegt und nach sechs Jahren Bauzeit 1842 als Gefängnis für lange Zuchthausstrafen eingeweiht.
Verbautes Porphyrgestein und rote Ziegelsteine sowie die Silhouette eines Ochsen gaben dem Komplex im Volksmund den Namen Roter Ochse.
Schon 1885, am 01. Februar wurden im Hof der Strafanstalt die Anarchisten Reinsdorf und Küchler hingerichtet, die an dem Attentat auf Kaiser Wilhelm I. beteiligt waren.
Unter den Nazis erging am 19.03.1939 eine Verfügung des damaligen Justizministeriums, die Strafanstalt ab November 1942 als Hinrichtungsstätte zu nutzen. Die Hinrichtungen erfolgten durch Erhängen oder durch das Fallbeil. Bis Kriegsende 1945 wurden 549 Menschen aus 15 Ländern Europas im „Roten Ochsen“ hingerichtet. Die Hinrichtungsstelle ist auch in der heutigen Gedenkstätte ausführlich dokumentiert.
Zum Kriegsende wurde das Zuchthaus Halle von amerikanischen Streitkräften übernommen. Ab Juli 1945 bis ins Jahr 1950 wurde die Strafanstalt durch Einheiten der Roten Armee, der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) und der Sowjetischen Militärtribunale (SMT) genutzt. Soweit bekannt wurden von der SMT verhängte Todesstrafen nach 1945 „vor Ort“ vollstreckt, ab 1950 erfolgten die Exekutionen in Moskau. Genaue Zahlen über die im „Roten Ochsen“ Internierten oder von SMT verurteilten Deutschen für den Zeitraum 1945 bis 1953 liegen bis heute nicht vor.
Im Juni 1950, ein knappes Jahr nach der Gründung der DDR erhielt der Strafvollzug den Auftrag, einen Teil des Objektes, Am Kirchtor 20, von den sowjetischen Einheiten zu übernehmen. Dieses Objekt wurde als Außenstelle Halle der Anstalt Torgau angegliedert.
Im Oktober dann musste die Anstalt innerhalb von 24 Stunden geräumt und einem Beauftragten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) übergeben werden.
In der ehemaligen Dienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit waren eine Untersuchungshaftabteilung des Ministeriums für Staatssicherheit, eine Behörde zur Autobahnüberwachung sowie eine Einheit zum Empfang und zur Auswertung von Fernsehsendungen der Bundesrepublik Deutschland untergebracht. Alle Behörden bzw. Einrichtungen waren strikt voneinander getrennt und unterlagen strengster Geheimhaltung. Zwischen 1950 und 1989 wurden etwa 9.600 Menschen in der MfS-Untersuchungshaftanstalt Am Kirchtor in Halle in Gewahrsam genommen.
Mit dem Zusammenbruch der DDR wechselte die Zuständigkeit zum Ministerium der Justiz des Landes Sachsen-Anhalt. Seitdem befindet sich im Roten Ochsen die Justizvollzugsanstalt des Landes Sachsen-Anhalt.
(Quelle: http://www.sachsen-anhalt.de/Gedenkstätte Roter Ochse, Halle)

Roter Ochse Halle – Ein Teil meines Lebens

Von September bis November 1988 habe auch ich dort Spuren hinterlassen, wurde als Opfer der Stasimachenschaften ein Teil der Repressionsgeschichte der DDR. Erst zwanzig Jahre später war ich in der Lage diesen unheilvollen Ort erneut aufzusuchen. Ich fuhr dort hin, weil es inzwischen eine Gedenkstätte „Roter Ochse“ an gleicher Adresse geben sollte. Und ich fuhr dorthin, in der Hoffnung, in meine  alte Zelle gehen zu können und zu erleben, dass nun alles vorbei ist, dass ich nun selbst bestimmen könne, wann ich die Zelle wieder verlassen werde. Umso größer war meine Enttäuschung als ich feststellen musste, dass der Rote Ochse immer noch als Haftanstalt genutzt wird. So eine widerwärtige Geschmacklosigkeit bringen auch nur ehemalige DDR-Beamte fertig, dachte ich mir so. Die „gute Tradition“ wird einfach fortgesetzt. Es wäre die Chance gewesen, dem Grauen ein für alle Mal ein Ende zu bereiten. Tausende ehemalige Häftlinge hätten so vielleicht ihren frieden finden können.Aber vielleicht hofft man ja, dass sich die Zeiten wieder noch einmal ändern? Warum musste ausgerechnet das Stasigefängnis in Halle weiter bestehen? Ich habe das nicht verstanden und verstehe es bis heute nicht. Es hätte sich mit Sicherheit eine angemessenere Nutzung finden lassen, als einfach die Aufschrift zu wechseln, aber den Inhalt zu belassen.

 

 

Ich hatte im Fernsehen gesehen, wie ehemalige Häftlinge in ihre Zelle gehen konnten und von dort ihrer Haftzeit berichteten. Das muss ein segensreiches Ereignis für diese Menschen gewesen sein, zu erleben, dass dieser furchtbare Ort seinen Schrecken verloren hat. Mir ist dies leider nicht vergönnt gewesen und nun muss ich andere Wege finden, meine Geschichte aufzuarbeiten und zu integrieren.
Eine Gedenkstätte gab es  aber tatsächlich. Im ehemaligen Vernehmerhaus der Staatssicherheit (hier wurden alle Häftlinge immer wieder und so lange verhört, bis sie am Ende aussagten, was die Vernehmer hören wollten), einem kleineren Gebäude, das über einen Tunnelgang mit dem Hafthaus verbunden war, wurde eine Ausstellung über die Geschichte des Roten Ochsen eingerichtet. In angemessener und respektvoller Weise stehen hier die Opfer jener Zeit ebenso im Mittelpunkt wie die Täter, die hier Namen und Gesicht bekommen. Ein gelungener Ort der Mahnung und des Erinnerns. Ich war sehr berührt von dieser Dokumentation eines Teils der deutschen Geschichte, der hoffentlich niemals in Vergessenheit geraten wird. Die Fotos in diesem Blog stammen fast ausnahmslos aus dieser Gedenkstätte und wurden mir mit freundlicher Genehmigung des Leiters Herrn Dr. Gursky zur Illustration meiner ganz persönlichen Geschichte des Roten Ochsen zur Verfügung gestellt.

Wenn nun eine gute Fee mir einen Wunsch freigeben würde, dann würde ich mir wünschen, dass man die JVA Halle schließt und den Roten Ochsen im Gedenken vieler unschuldig inhaftierter Menschen einer angemesseneren Nutzung zu führen würde. Zumindest wünschen kann man sich ja alles…

Quellen zu „Stasi-Gefängnis Halle „Roter Ochse“
Foto: Sammlung Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale)

 

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