Die DDR und die Stasi – Mein Stück deutsche Geschichte
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Stasi-Haft Entschädigung Fehlanzeige

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head-196541_640Es ist nicht schwer gewesen, in die Fänge der Stasi zu geraten. Es ist auch nicht schwer gewesen, von der Stasi verhaftet zu werden. Ein einziger Brief an die Kreisverwaltung war dafür ausreichend. Ungleich schwerer ist es, die Folgen der Haftzeit anerkennen zu lassen. Niemand bestreitet zwar, dass ich politisch inhaftiert war. Und niemand bestreitet, das die Inhaftierung durch den Staatssicherheitsdienst der DDR ein traumatisches Erlebnis war. Aber das meine chronifizierte Depression eine Folge der Haft ist, das könne man nach so vielen Jahren nicht bestätigen. Ja wenn ich ich direkt nach der Haft… Da hatte ich aber ganz andere Probleme, als dass ich mich hätte um meine Seelengesundheit kümmern können.

Die Haft ist vorüber – Die Depression bleibt

Wie lange ich tatsächlich schon depressiv bin, lässt sich heute nur schwer sagen. Vermutlich hat mich die Depression schon über viele Jahre begleitet, aber ich wollte das nicht wahr haben. Wenn meine Frau mich darauf hin ansprach und wollte, dass ich mir Hilfe hole, reagierte ich aggressiv und wies diese „Vorwürfe“ auf das Schärfste zurück. „Ich gehe doch nicht zum Psychiater!“, entgegnete ich felsenfest, „Ich bin doch nicht bekloppt!“. Und so kam es eines Tages zum totalen Zusammenbruch. Erst jetzt, da ich am Boden lag, war ich bereit, mich auffangen zu lassen. Erst jetzt war ich in der Lage, Hilfe anzunehmen.
Da kann man mal sehen wie bekloppt ich tatsächlich war, denn wäre ich bei Vernunft gewesen, hätte ich ja einen Arzt aufsuchen können. Bestenfalls hätte er keine Diagnose gestellt. Aus jetziger Sicht denke ich, wäre es mit Sicherheit besser gewesen, eher einen Arzt aufzusuchen, dann hätte man die Depression vielleicht noch ausheilen können. Aber wann wäre der richtige Zeitpunkt gewesen?

Auf die Stasi folgt der BND

Ich bin heute der Überzeugung, dass es ein guter Zeitpunkt gewesen wäre, sich behandeln zu lassen, als ich vor vielen Jahren aus der politischen Haft der DDR von der Bundesrepublik frei gekauft wurde. Aber anstatt mich psychologisch zu betreuen, wurde ich vom BND (Bundesnachrichtendienst, Geheimdienst der Bundesrepublik Deutschland) behandelt, um sicher zu gehen, dass ich kein eingeschleuster Stasispitzel bin. Vermutlich hatte man inzwischen aus der Giullaume-Affäre gelernt, denn jeder Übersiedler aus der DDR wurde schon im zentralen Aufnahmelager in Gießen dieser Untersuchung unterzogen. Ich hatte seinerzeit keinerlei Verständnis für diese Maßnahme. War ich doch gerade den Fängen des Geheimdienstes der DDR entkommen und fühlte mich nun in Sicherheit. Da drehte sich plötzlich alles um und ich wurde vom Opfer zum potentiellen Täter. Ich wurde in einen Raum geführt, der innen keine Türklinken hatte, ein Vernehmungsraum. Als ich dies bemerkte schoss sofort wieder die Angst in mir hoch. Ich fühlte mich ausgeliefert und hilflos. Mir wurde alsbald klar, dass es nicht bei diesem einen Gespräch bleiben würde. Ich war mir sicher: Auch hier bin ich wieder unter Beobachtung gestellt. Heute macht es mich wütend, wenn ich darüber nachdenke. Man kannte doch die Methoden der Stasi genau und wusste, was Menschen in den Fängen des DDR-Geheimdienstes durchgemacht hatten. Und dennoch wurde ich nicht ein einziges Mal nach meinem seelischen Befinden befragt. Keine Institution, keine Behörde – das System hat an dieser Stelle völlig versagt. Und dabei hätte man gar nicht fragen müssen. Die Furcht war mir noch ins Gesicht geschrieben. Menschen in meinem neuen Wohnumfeld sprachen mich an und zeigten ihr Mitgefühl.
Ich bin ziemlich sicher, dass ich mir einen langen Leidensweg hätte ersparen können, wenn man mich seinerzeit psychologisch betreut hätte.

Wiedergutmachung will niemand leisten

Heute, nach vielen Jahren und inzwischen wegen Erwerbsunfähigkeit infolge Depressionen auf Rente gesetzt, versuche ich nun meine Depression als Haftfolgeschaden anerkennen zu lassen. Aber wie es immer ist, so ist es auch hier. Das Opfer muss nachweisen, dass es ein Opfer ist. Aber genau das dürfte jedem Opfer schwer fallen. Zumindest nach so langer Zeit. Mein Antrag wird vom Niedersächsischen Landesamt für Soziales, Jugend und Familie mittlerweile schon dreieinhalb Jahre lang bearbeitet. Viele Akten wurden inzwischen gewälzt und sogar ein psychiatrisches Gutachten wurde in Auftrag gegeben. Aber am Ende stand die Aussage: Ja, die Haft hat sich negativ auf meine Gesundheit ausgewirkt und ich habe so etwas wie eine partielle posttraumtische Belastungsstörung, aber dass die DDR-Verfolgungszeit für meine Depressionen verantwortlich sei, das könne man nicht nachweisen. Denn schließlich hätte ich auch eine schwere Kindheit gehabt und musste den frühen Verlust meiner Mutter  verkraften. Nur komisch, dass ich das seinerzeit alles relativ gut verkraftet habe und damals kein ängstlicher Mensch war, der zusammen zuckt, wenn es an der Haustür klingelt? Ich hatte immerhin den Mut und die Kraft, die Ausreise aus der DDR zu beantragen und trotz aller Repressalien von staatlicher Seite, mein Vorhaben auch durch zu ziehen. Und ich war damals ziemlich allein. Selbst meine Familie zog sich aus Angst vor der Stasi von mir zurück. Mein Vater setzte seit meinem Ausreisantrag keinen Fuß mehr in meine Wohnung. Ich wurde misstrauisch beobachtet, nicht nur von der Stasi.

Hätte der Hund nicht…

Und später nach meiner Übersiedelung habe ich zu gut funktioniert. Ich bin eben nicht gleich zusammen gebrochen. Aber wie sollte ich auch? Ich hatte eine Familie zu versorgen mit drei kleinen Kindern und ich war über alles glücklich, sie nach der langen Zeit der Trennung und Ungewissheit wieder bei mir zu haben. Ich habe geackert, um uns eine neue Existenz zu schaffen. Und ja, ich war leistungsfähig! Ich habe viel gearbeitet und gespart und ein Haus für meine Familie gebaut. Und als alles fertig war, habe ich mich beruflich weiter gebildet. Denn es begann ein Trend in unserer Firma, dass nur noch Techniker und Ingenieure eingestellt wurden. Ich bekam Angst, meinen Arbeitsplatz zu verlieren und meine Familie nicht mehr versorgen zu können. Obwohl ich lange Arbeitstage hatte, habe ich nebenher meinen Techniker im Fernstudium gemacht. Das hat vier Jahre gedauert. Und dann plötzlich, zwanzig Jahre nach meiner Entlassung aus der Haft, breche ich zusammen? Keine offizielle Stelle glaubt mir heute, dass die Haft ein wesentlicher Grund für meine Depressionen ist. Ja hätte ich nicht so früh meine Mutter verloren und hätte mein Vater mich als Kind nicht so oft geschlagen, dann könnte man schon eher den Zusammenhang zur Haftzeit herstellen, so in etwa steht es in meinem psychiatrischen Gutachten….

Unverständnis macht sich breit

Und genau das verstehe ich nicht. Hier drückt sich der Staat um seine Verantwortung! Er will nicht zahlen! Das ist alles. Ich habe Schlimmes erlebt während meiner Verfolgung durch die Stasi. Und hätte ich nicht auch noch zusätzlich schlimme Dinge erlebt, müsste man den Haftschaden anerkennen. Da ich aber über die Haft hinaus schwere Erfahrungen in meinem Leben machen musste, kann man ja die Ursache für meine Depressionen dort hin schieben. Mit den Naziopfern ist man seinerzeit anders verfahren und das war auch richtig so. Wer interniert war, hatte Anspruch auf Ausgleichsleistungen – Punkt! Und es wurde nicht geforscht, ob die Häftlinge als Kinder von ihren Eltern an den Ohren gezogen wurden.
Ich wünsche mir etwas mehr Aufrichtigkeit im Umgang mit den Opfern der Stasidiktatur. Dann wäre es ehrlicher, die Möglichkeit der Anerkennung von Haftfolgeschäden ganz aus dem Gesetz zu streichen. Solange die Aufgabe der zuständigen Behörden darin besteht, eventuelle Ansprüche abzuwehren, anstatt zu gewähren, hat es nur eine Alibifunktion. Und darauf können wir „Ehemaligen“ getrost verzichten. Denn das kennen wir aus der DDR noch zur Genüge…

Nachtrag zu Stasi-Haftfolgeschaden

Mein Antrag auf Anerkennung der Depression als Haftfolgeschaden wurde auch nach eingelegtem Widerspruch abgelehnt. Das Geld und Kraft für eine Klage fehlen mir leider. Also behält wieder einmal der Recht, der am längeren Arm sitzt – der Staat. Das nenne ich Ironie des Schicksals…

 

Quellen zu „Stasi-Haft Entschädigung Fehlanzeige“
Foto: pixabay.com

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