Die DDR und die Stasi – Mein Stück deutsche Geschichte
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Stasi – Zersetzung nach Abschiebung

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623454_web_R_by_Heinz Telker_pixelio.deWeihnachten 1988. Nach meiner Abschiebung aus der Stasihaft, wohnte ich zunächst bei meinem Onkel in Hannover/Laatzen. Er besaß eine kleine Souterrainwohnung, die er regelmäßig an Messegäste vermietete. Ich kannte anfangs dieses Wort gar nicht. In der DDR hätte man Kellerwohnung dazu gesagt. Aber der unterschiedliche Sprachgebrauch zwischen Ost und West sollte mein geringstes Problem bleiben.
Weil es nicht besonders viele Messen in Hannover gab, stand die Wohnung die meiste Zeit des Jahres leer, so auch zu jener Zeit. Und so hatte mein Onkel mir angeboten, vorübergehend mit meiner Familie dort einzuziehen, bis wir etwas eigenes gefunden hätten. Eigentlich hatte ich vorgehabt, nach Baden-Württemberg zu gehen, weil es damals im „Ländle“ ausreichend Wohnraum und Arbeit gab. Das hätte bedeutet, ich wäre vom Aufnahmelager in Gießen in ein regionales Aufnahmelager  weiter gereicht worden, sobald es^dort freie Kapazitäten gegeben hätte. Da mein Wunschland Baden-Württemberg war, hätte ich warten müssen, bis dort ein Bett frei würde. Viele wollten derzeit dorthin. Es hätte also Wochen oder Monate dauern können. Vom Aufnahmelager im Zielland aus hätte ich mich dann um Wohnung und Arbeit kümmern können. So war der Plan: 1. Wohnung besorgen 2. Familie nachholen 3. Arbeit finden. Mein größter Wunsch war es allerdings, meine Familie wieder zu bekommen. Doch was, wenn man sie gar nicht gehen ließe? Was, wenn sie für immer in der DDR bleiben müssten? Ich selbst war nun mit einem Einreiseverbot für die DDR belegt. Normalerweise hätte mich das nicht gestört, denn zum damaligen Zeitpunkt hätte ich dorthin sowieso nie wieder reisen wollen. Aber ohne meine Familie sah dies natürlich völlig anders aus. Die große Freude über die nach jahrelangem Kampf erreichte Freiheit wich alsbald der Sorge, meine Liebsten eventuell nie wieder zu Gesicht zu bekommen. Angst und Sorge machten sich breit.

Die Aussicht auf eine womöglich lange Wartezeit bis zur Beschaffung einer Wohnung für meine Familie ließ mich das Angebot meines Onkels annehmen und ich verwarf meine ursprüglichen Übersiedelungspläne. Ich hatte von Gießen aus mit ihm per R-Gespräch telefoniert, um ihm mitzuteilen, dass ich nun in Freiheit sei. Und bei dieser Gelegenheit bot er mir und meiner Familie diese Wohnung an. Die ganzen Jahre in der DDR hatte er zu uns gehalten und uns unterstützt. Und nun half er uns wieder weiter. Ich war ihm sehr dankbar dafür und bin es heute noch. Und so ging am 16.Dezember 1988, drei Tage nach dem Verlassen der DDR, die Reise weiter, von Gießen nach Hannover.

Ich war ein wichtiges Stück voran gekommen. Ich hatte eine Wohnung. Meine Familie konnte nun nachkommen. Meine Frau musste sich nun um alles allein kümmern: Antragstellung auf Familienzusammenführung (wenigstens gab es jetzt eine rechtliche Grundlage für einen Antrag), Wohnungsauflösung, Abmeldeformalitäten, Sachen packen und verschicken und und und …. Sie war sehr tapfer und ging bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit. Ich hatte sie später fast nicht wieder erkannt, soviel hatte sie abgenommen während dieser Zeit. Niemand wusste, wann man ihr und den Kindern die Ausreise aus der DDR erlauben würde. Niemand konnte sagen, ob überhaupt. Es war wahrscheinlicher geworden, aber alles andere als sicher. Ich hatte inzwischen mit dem Ministerium für innerdeutsche Beziehungen telefoniert und dort nachgefragt, wie lange so ein Verfahren der Familienzusammenführung dauern würde. In der Regel müsse man mit einem halben Jahr rechnen, hieß es von dort. Aber mit Gewissheit könne man mir das nicht sagen, weil es allein von der Willkür einzelner DDR-Bonzen abhängig wäre. Nun ja, das kannte ich.
Da saß ich nun also Weihnachten im Jahr 1988. Zwar musste ich diese Zeit nicht allein verbringen, weil die Familie meines Onkels sich sehr gut um mich kümmerte, aber ich fühlte mich dennoch allein, sehr allein. Seine Familie war nicht meine Familie und ich vermisste meine Frau und meine drei Mädchen sehr. So schön wie es war, am Hl. Abend nicht allein sein zu müssen, so schwer war es auch zu erleben, dass andere Menschen eine Familie hatten, mit der sie Weihnachten feiern konnten. Ich beneidete sie alle darum.

Es ging mir viel durch den Kopf in dieser Zeit, aber das Schlimmste war die Ungewissheit. Niemand konnte mir sagen, wann und ob überhaupt ich meine Familie wieder sehen werde. Was hatte ich nur getan? Nun war ich hier in der vermeintlichen Freiheit und konnte mich doch so wenig an ihr erfreuen. Meine Familie saß jenseits der Grenze, die nun noch unüberwindbarer schien als je zuvor. Das war eine Freiheit, mit der ich nicht viel anfangen konnte. Es gab Momente, da bereute ich mein Handeln. Und so nahm ich mir vor, wieder zurück in die DDR zu gehen, wenn man meine Frau und die Kinder nicht bald zu mir kommen ließe.

 

Quellen zu „Stasi – Zersetzung nach Abschiebung“
Foto: Heinz Telker  / pixelio.de

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