Die DDR und die Stasi – Mein Stück deutsche Geschichte
Eine Seite gegen das Vergessen, Verniedlichen und die Ignoranz

Der zweite Tag in Stasihaft

Morgens um 6.00 Uhr war die Nacht offiziell zu Ende. Ich war müde, hatte die letzten Stunden nicht schlafen können, aber schlafen war nun auch nicht mehr angesagt. „Aufstehen! Betten machen! Morgentoilette! Zelle reinigen!“ Rasierzeug gab man mir nicht, wegen der „Selbstverletzungsgefahr“, aber im Laufe des Tages wurde ein elektrischer Rasierapparat Fabrikat Bebosher durch die Luke gereicht. Damit musste ich mich rasieren. Das war eklig, denn wie es aussah, rasierten sich alle Häftlinge mit diesem grauenhaften Ding. Nachdem ich fertig war, wanderte das Teil in die nächste Zelle durch die Luke. So begann der Tag und wie sich später noch herausstellen sollte, jeder Tag im Roten Ochsen. Danach gab es irgendwann Frühstück: Konsumbrot und Marmelade. Die Marmelade schmeckte scheußlich, aber das sollte sicher auch so sein. Die Zellentür wurde so gut wie nie geöffnet, alles wurde immer durch die kleine Luke herein gereicht, die sich in der Zellentür befand und dort auch wieder heraus genommen: Besteck, Essen, Rasierapparat, sogar Besen, Handfeger und Kehrblech.  Die Zellentür öffnete sich nur einmal am Tag. Das war zum sogenannten Freigang und geschah meist vormittags, konnte aber bei schlechtem Wetter auch später sein oder ganz entfallen. Freigang bedeutete, dass der Häftling für eine Zeit, ich denke es war eine halbe Stunde (meine Uhr hatte man mir ja weggenommen), an die frische Luft durfte. Er wurde zu diesem Zweck auf dem Gefängnishof in eine Art Laufstall gesperrt.

Freigang im Tigerkäfig

Hier durfte man dann umher gehen. Die Mauern waren hoch, der Raum nicht allzu groß, aber doch deutlich größer als eine Zelle. Es gab so viele solcher Käfige, wie Zellen im Trakt nebeneinander. Die Käfige waren alle aneinander gebaut. Über den Käfigen war ein Laufsteg montiert, auf dem ein Wachmann, bewaffnet mit einem Maschinengewehr Marke Kalaschnikow, auf und ab lief und aufpasste, dass wir keine Dummheiten machten. Es war nämlich außer die Klappe zu halten und umherzugehen so ziemlich alles verboten, was einem in den Sinn kommen könnte. Es war verboten, zu singen, zu lachen, zu pfeifen, zu sprechen oder auf andere geeignete Weise auf sich aufmerksam zu machen und Kontakt zu den Kollegen in der Nachbarbucht aufzunehmen. Manchmal rief jemand verzweifelt den Namen seiner Frau, weil die Außenwand des Gefängnisblocks genau vis-à-vis lag und auch Frauen hier inhaftiert wurden. Kurz danach hörte man dann Schließgeräusche – für diesen Häftling war der Freigang zu Ende. So schnell sah der kein Tageslicht mehr. Verschärfter Arrest war angesagt…

Jeder Häftling hatte offenbar aufgrund internationaler Konventionen Anspruch auf solch einen täglichen Freigang. Daran hielt sich dann sogar die DDR. Damit man keinen anderen Häftling zu Gesicht bekam, wurde jeder einzeln aus seiner Zelle geholt, über Flur, Treppenhaus und Hof in den sogenannten Tigerkäfig gebracht und eingeschlossen. Dann kam der nächste an die Reihe. Wenn alle Boxen belegt waren dauerte es meist nicht lange und der erste Gefangene wurde schon wieder heraus geholt und auf demselben Weg zurück in seine Zelle gebracht, denn wie an sich vorstellen kann, war das jedesmal ein zeitraubende Angelegenheit. Die Insassen von Gemeinschaftszellen wurden gemeinsam in eine Box geführt und eingeschlossen. Hier musste man ja nicht verhindern, dass sie sich gegenseitig erkennen. Man sah keinen Baum und keinen Strauch, nur eben diese Mauern mit einem Deckel aus Drahtzaun. Heute sind die Tigerkäfige entfernt worden und Grünflächen wurden angelegt.

Der Haftrichter

Irgendwann am zweiten Tag meines Aufenthaltes in den Mauern des Roten Ochsen wurde ich dann dem Haftrichter vorgeführt. Praktischer Weise schien der gleich in der Untersuchungshaftanstalt  seinen Amtssitz zu haben, denn ich musste dazu das Gelände nicht verlassen. Es war ein System im System. Die Stasi überließ nichts dem Zufall und hatte vermutlich auch deshalb eigene Richter. Man teilte mir mit, dass ich mich in Untersuchungshaft in Halle befinden würde und nannte mir nochmals den Grund meiner Verhaftung. Ich hätte mich der Verletzung des Paragraphen 220 Strafgesetzbuch schuldig gemacht, indem ich eine Schrift, die geeignet sei, die staatliche Ordnung der DDR verächtlich zu machen, in Umlauf brachte. Ebenso belehrte man mich über mein Recht, Beschwerde gegen diese Inhaftierung einreichen zu dürfen. Es gab Mittagessen und es gab Abendbrot. Sonst passierte nichts. Als das Mittagessen kam, bat ich darum, Haftbeschwerde einlegen zu dürfen und man sagte mir zu, Papier und Kugelschreiber zu besorgen. Aber es passierte nichts. Den ganzen lieben langen Tag nicht.

Der Anstaltsarzt

Es war kühl in dem dumpf anmutenden Gemäuer. Ja, so in etwa hatte ich mir eine Gefängniszelle vorgestellt, mit wenigen Schritten auszumessen, kaum breiter als meine Armpannweite. Kein Fenster. Die Gitterstäbe hinter zwei Reihen Glasbausteinen nur erahnbar. Blasse Farben mit Kasernencharme. Ein altes Gemäuer, wie ich später erfuhr, aber nicht altehrwürdig. Während der Nazizeit schon wurden hier Abweichler festgesetzt. Nicht wenige von ihnen wurden hier auch hingerichtet. Im Keller befand sich einst die Hinrichtungsstätte. Auch ich musste in den Keller. Die Räumlichkeiten des Anstaltsarztes befanden sich dort. Dass hier früher Menschen ermordet wurden, wusste ich da noch nicht, aber das Gefühl, das mich hier unten beschlich, war kein gutes. Während der obligatorschen Eingangsuntersuchung wurde ich zu meinem Wohlbefinden befragt, ebenso zu Vorerkrankungen. Das Ambiente und der Arzt erinnerten mich an einen Josef Mengele. Ob ich auch tatsächlich untersucht wurde, kann ich nicht mehr erinnern. Ich erinnere mich aber noch sehr gut daran, dass man versuchte, mir Blut abzunehmen, ich ihnen aber keines geben wollte. Und so stachen sie mich wieder und wieder, ließen sich nicht aus der Ruhe bringen. „Wir haben Zeit.“, sagten sie, „Irgendwann gibt hier jeder seinen Widerstand auf.“ Und so war es dann auch. Irgendwann wollte ich nur noch dem Schmerz entkommen und ließ es zu…

Hospitalismus

Einzelhaft. Obwohl ich gern auch mit mir allein war, wünschte ich mir jetzt sehr einen Menschen in meiner Nähe, einen Menschen, dem ich vertrauen könnte. Aber gab es die überhaupt noch? Wer würde dem Druck der Stasi standhalten können? Sie hatten sich schon in den letzten Monaten und Jahren von mir zurück gezogen – Freunde, Kollegen, Nachbarn und was ich am schmerzlichsten fand: Verwandte. Hatte ich zuviel erwartet, als ich an ihre Loyalität glaubte?

Ich fragte mich, wohin ich hier nur geraten war. Da war es wieder. Es klopfte an die Wand. Unablässig klopfte es die Wand. Nicht so, wie man irgendwo anklopft, um herein gelassen zu werden, nein, es klopfte unablässig, rhythmisch, stundenlang. Dann war wieder Stille, manchmal ebenfalls stundenlang. Dann begann es wieder von vorn. Poch, poch, poch, poch, poch, poch-poch. Es nervte. Ich versuchte, mich nicht darauf zu konzentrieren, aber es war direkt an meiner Wand und es war laut, schien immer lauter zu werden. Ich konnte mich dem nicht entziehen. Ich dachte, ich würde verrückt, so verrückt, wie die arme Kreatur auf der anderen Seite der Wand. Das machen sie hier aus dir, dachte ich. Sie lassen dich schmoren, reden nicht mit dir. Sie überlassen dich einfach dir selbst und deinen Nöten und so entwickelt dann jeder irgendwann seinen ganz eigenen Hospitalismus.