Die DDR und die Stasi – Mein Stück deutsche Geschichte
Eine Seite gegen das Vergessen, Verniedlichen und die Ignoranz

Strafvollzug für politische Häftlinge in der DDR

Quarantäne im Strafvollzug

Man brachte uns also nach Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz. In der Reichenhainer Straße 236 gab es eine Strafvollzugseinrichtung, die auch heute noch als JVA (Justizvollzugsanstalt) genutzt wird. Dort angekommen steckte man uns zunächst in so eine Art Quarantänezelle. Das bedeutete, zwei Wochen lang mit mindestens zehn neu angekommenen Gefangenen 24 Stunden am Tag in einer gemeinsamen Zelle zu verbringen. Zum Glück waren wir als „Politische“ wieder separiert worden und es ging wohl von niemandem eine Gefahr aus. Es waren alle Menschen wie ich, die für ein besseres Leben bereit waren, etwas einzusetzen. Für die Raucher war es besonders schlimm, denn eine Einkaufsmöglichkeit gab es hier nicht und der Vorrat an Zigaretten war schnell aufgebraucht. In ihrer Not rauchten die Jungs dann das Gras aus ihren Matratzen in einem Stück „Neues Deutschland“, der SED-Parteizeitung, die man uns zynischer Weise täglich zur Erbauung reichte. Die Tage waren lang, weil nicht viel passierte, eigentlich unterschied sich der Tagesablauf kaum von dem in der Untersuchungshaftanstalt.

Während dieser zwei Wochen Quarantäne wurden wir ärztlich untersucht und zwangsgeimpft, ich weiß bis heute nicht wogegen. Vermutlich war eine der beiden Spritzen, die man mir verpasste, gegen Tetanus, denn das Verletzungsrisiko während der Zwangsarbeit war hoch. Wir wurden belehrt über die sogenannte „Hausordnung“ der Haftanstalt und darüber welche haftverschärfenden Maßnahmen bei Zuwiderhandlungen ergriffen würden. Aber auch das ist war nichts neues, es gab Schreibverbote, Besuchsverbote, Paketempfangsverbote. Es gab Einkaufsverbote und natürlich gab es die bewährte Einzelhaft. Je nach Vorgeschichte, beruflichem Werdegang und körperlicher und kognitiver Eignung wurden wir verschiedenen Arbeitskommandos zugeteilt. Es gab unter anderem die Möglichkeit in einem Betonplattenwerk zu arbeiten oder in einem Metall verarbeitenden Betrieb. Natürlich durfte man sich das nicht aussuchen. Ich wurde letzterem zugewiesen.

Der Zellentrakt

Schließlich durften wir dann auch irgendwann unser endgültiges Quartier für den Rest unserer Haftstrafe beziehen. Der Gefängnistrakt in der Reichenhainer Straße sah von außen aus wie ein Kasernengebäude und war innen auch so geschnitten. Ein mehrstöckiger Plattenbau mit einem Treppenhaus am Kopf des Gebäudes. In der Mitte gab es einen langen Flur, von dem rechts und links die einzelnen Zellen abgingen. Die Flure waren zum Treppenhaus hin mit Gittern gesichert. Die Zellen waren ganz normale Zimmer mit gewöhnlichen Fenstern, die man auch etwas ankippen konnte. Hinaus sehen konnte man zwar nicht, weil es sich um Sichtschutzglas handelte, aber es war zumindest ausreichend hell im Raum und überhaupt kein Vergleich zu den Löchern im roten Ochsen. Ich bekam eine Zelle mit Doppelstockbett für mich allein, worüber ich sehr froh war, und richtete mich oben ein. Es gab einen normalen Schrank und auch einen normalen Tisch mit Hocker. Welch Komfort! Die Toiletten befanden sich am Ende des Flures in einem separaten Raum und ähnelten einer Bahnhofstoilette, nur das die Türen fehlten, aber wenigstens gab es einen seitlichen Sichtschutz. Die Wärter hießen hier „Erzieher“, ließen aber wider Erwarten menschliche Züge erahnen und wiesen nicht diese Überheblichkeit auf, wie es die Stasibüttel taten. Die Leute machten hier ihren Job und behandelten uns normal.
Wir bekamen dreimal am Tag zu essen. Die Mahlzeiten wurden in einer großen Kantine eingenommen. Das war auch der einzige Ort, wo wir mit den normalen Verbrechern in Kontakt kamen. Wir standen mit ihnen zum Essen an. Das Essen hatte DDR-Kantinen-Qualität. Man konnte es essen – geschmeckt hat es nicht. Wir mussten im Gefängnisgelände immer im Verband marschieren, wie beim Militär. Es erinnerte mich tatsächlich sehr an meine Armeezeit. Bis zum „Einschluss“ Wir durften uns frei auf der Etage bewegen. Es gab sogar einen Fernseher auf dem Flur, der abends angemacht wurde. Die „Aktuelle Kamera“, sozusagen die Tagesschau der DDR gehörte zum Pflichtprogramm jedes Häftlings, denn schließlich sollten ja alle Häftlinge zu pflichtbewussten und ergebenen Staatsbürgern umerzogen werden. Aber wenn du ein Vierteljahr keinen Fernseher mehr gesehen hast, findest du selbst die „Aktuelle Kamera“ interessant. Du möchtest irgendetwas ergattern vom Leben da draußen. Du sehnst dich nach anderen Klängen, nach Farben, nach Düften, aber am meisten sehnst du dich nach den Menschen, die du liebst.

Wir durften jetzt sogar Pakete empfangen. Zwar war das alles streng reglementiert und man musste dafür eine Genehmigung beantragen, aber es bestand nun zumindest diese Möglichkeit. Auch durfte ich jetzt ein Foto von meiner Familie in meinem Besitz haben. Meine Frau hatte es eigens für mich beim Fotografen anfertigen lassen. Jeden Tag konnte ich jetzt in die Gesichter meiner Frau und meiner Kinder sehen. Das gab mir viel Halt und Kraft in dieser Zeit. Man lernt die kleinen Dinge zu schätzen, wenn einem fast alles genommen wurde…

Zwangsarbeit im Gefängnis

In der DDR waren alle Häftlinge verpflichtet, während ihres Strafvollzuges zu arbeiten. Der Betrieb, in dem ich tätig war, hatte eine Produktionsstätte direkt neben das Gefängnisgelände gebaut. Wir wurden in drei Schichten eingesetzt. Meine erste Schicht war eine Spätschicht. Wir arbeiteten acht Stunden am Tag im Akkord. Die Leistung war für jeden Arbeitsplatz vorgegeben. Bei Nichterreichen wurden Privilegien gestrichen, etwa die Erlaubnis, ein Paket erhalten zu dürfen, eine Einschränkung der Schreib- oder Besuchserlaubnis oder ähnliches. Ich arbeitete an einer Fräsmaschine und fertigte Motorenteile aus Aluminiumdruckguss. Es gab enge Toleranzen, die vom Werkstattmeister regelmäßig auf Einhaltung kontrolliert wurden. Hier kam mir meine einst verhasste Grundausbildung in Metallbearbeitung zu gute. Ich hatte keine Probleme mit dieser Arbeit, weder mit der Qualität, noch mit der geforderten Stückzahl. Ich lag immer etwas über den Vorgaben. Es machte mir Spaß, endlich etwas Sinnvolles zu tun. Die Zwangsarbeit in den Gefängnissen wird heutzutage immer noch kontrovers diskutiert. Man spricht von Ausbeutung und unmenschlichen Bedingungen. Für mich waren die Bedingungen im Strafvollzug wie im Paradies, wenn ich meine Haftzeit im Roten Ochsen dagegen halte. Und ich war sehr froh, dass ich arbeiten und somit endlich etwas Sinnvolles tun durfte und wenngleich auch die Bezahlung mit 30 Mark im Monat eher dürftig ausfiel, war es doch selbst verdientes Geld, mit dem man sich etwas kaufen konnte, Kaffee zu Beispiel oder Tabak. Ich hatte lange standgehalten, fing dann aber irgendwann doch wieder mit dem Rauchen an und Zigaretten gehörten nun einmal nicht zur Tagesration der Haftanstalt.

Fortsetzung folgt…