Die DDR und die Stasi – Mein Stück deutsche Geschichte
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Tag der deutschen Einheit – Mein Trauertag

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berlin-wall-549071_640Nun sind es auf den Tag genau 22 Jahre, dass es die DDR nicht mehr gibt. Die Mauer und damit die deutsch-deutsche Grenze fiel schon ein Jahr früher. Doch ein Grund zu feiern ist es für mich immer noch nicht. Ich habe viel einsetzen müssen dafür, dieses Land verlassen zu können und zahle den seelischen Zins dafür noch heute ab. Ich habe gekämpft für meine Freiheit und mein Leben dafür riskiert. Ich hatte keine Unterstützung während dieser Zeit. Irgendwie waren alle auf der Linie des Staates. Ob es Neid war oder Überzeugung mag dahin gestellt sein. Jedenfalls wandten sich die Menschen von mir ab. Sie waren mit dem Spatzen in der Hand zufrieden, während ich meinen Arm nach der Taube auf dem Dach ausstreckte.

Sie hatten gelernt weg zu sehen. Sie hatten gelernt zu schweigen, wo es galt, das Unrecht zu benennen. Damit setzten sie die Tradition ihrer Eltern fort, die von den Greueltaten Hitlers und seines Regimes nichts wussten oder nichts wissen wollten. All diese Menschen bekamen schließlich geschenkt, wofür sie nicht bereit waren, etwas einzusetzen. Sie bekamen die Freiheit gratis und taten am Ende noch so, als sei ihnen Unrecht geschehen, als habe der Westen sie nur kassiert. Eine wirklich bedauernswerte Gesellschaft! Ich war wohl einer der wenigen, der sich am 9. November 1989 nicht freuen konnte und ich kann es bis heute nicht. Mein Verstand sagt mir zwar, dass es gut ist, dass es die Grenze nicht mehr gibt, aber mein Gefühl sagt mir: „Zieht die Mauer wieder hoch und macht sie noch ein Stück höher!“

Für mich war die Mauer auch ein Schutz, nachdem ich es geschafft hatte, dem Regime zu entkommen. Ein Schutz vor der Stasi und den Tausenden Menschen, die mit diesem Geheimdienst kooperierten. Ein Schutz vor Proleten, Genossen und Parteifunktionären, die mich als ihren Feind betrachteten. Und plötzlich entfiel dieser Schutz, ein Jahr nachdem ich es endlich geschafft hatte, in die Freiheit zu gelangen.

Heute entscheiden womöglich ehemalige Parteifunktionäre darüber, ob meine Haftzeit ein traumatisches Erlebnis für mich gewesen sein könnte und ob es angemessen ist, mir dafür eine Entschädigung zu gewähren. Eines ist sicher: Die Bonzen haben ihren Platz schnell gefunden im Land des Imperialismus. Es waren schon immer die Anpassungsfähigen, die Wendehälse, die die Nase vorn hatten. Alle ehemaligen Funktionäre standen ja im Dienst des Staates und werden heute auch so behandelt. Es ist unerträglich für mich, zu erleben, dass diese Menschen Monat für Monat fette Renten ausbezahlt bekommen, während man in Regierungskreisen überlegt, ob eine private Absicherung für’s Alter mit auf die Grundsicherung angerechnet werden sollte oder nicht. Wenn jemand eine Grundsicherung bekommen sollte, dann doch bitte diese Verbrecher und auch keinen Cent mehr!

Für mich gibt es die DDR immer noch. Denn die DDR bestand aus Menschen, die dem System dienten und von ihm Nutzen hatten und all diese Menschen sind noch immer da. Ich reise dort nur hin, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Und jedes mal überfällt mich ein beklemmendes Gefühl, wenn ich die Grenze passiere. Ich fühle mich erst besser, wenn ich wieder auf altem Bundesgebiet bin.
Mich stimmt dieser Tag traurig und lässt mich einmal mehr erkennen: Es gibt keine Gerechtigkeit auf der Welt. Oder besser formuliert: Es gibt nicht die Gerechtigkeit, es gibt meine und deine und seine Gerechtigkeit. Keine Gerechtigkeit – das macht mich traurig.

Wobei Traurigkeit noch nicht einmal das primäre Gefühl ist an diesem Tag. Es ist eher Wut. Eine Wut auf alle, die die DDR mit zu verantworten hatten und eine Wut auf die, die mich im Stich ließen, als ich sie gebraucht hätte. Traurigkeit wird es erst, wenn ich realisiere, dass diese Wut nichts ausrichten kann, dass sie ins Leere geht, zur Ohnmacht wird….

Ja, Wut, Ohnmacht und Traurigkeit sind meine Gefühle an diesem Tag, die Gefühle eines Depressiven. Freude werden heute vermutlich nur die empfinden, die damals auf der anderen Seite standen.

Quellen zu „Tag der deutschen Einheit – Mein Trauertag“
Foto: pixabay.com

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