Die DDR und die Stasi – Mein Stück deutsche Geschichte
Eine Seite gegen das Vergessen, Verniedlichen und die Ignoranz

Ankunft im Stasi-Gefängnis Roter Ochse Halle

roter ochse postMeine Haftzeit ist das schwerste Kapitel in meinem Leben und mit Sicherheit auch das schwierigste Kapitel in diesem Blog. Ich habe mich lange davor gedrückt, es aufzuschreiben. Aber die Haftzeit gehört nun einmal dazu. Sie muss einen Platz finden auf diesen Seiten hier und auch in meinem Leben. Vieles habe ich über Jahre hin gut verdrängen können, aber die Wahrheit ist: Es ist nichts vergessen. Es ist alles noch da. Es ist aktuell…

Verhaftung durch Stasi

Am 1. September 1988 wurde ich nach stundenlangem Verhör in der Kreisdienststelle der Staatssicherheit in Roßlau in Sachsen Anhalt in Handschellen gelegt und nach Halle in die Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit, Am Kirchtor 20a verbracht, besser bekannt unter dem Namen „Roter Ochse“. Ein Gefängnis mit Tradition. Hier wurden schon zu nationalsozialistischer Zeit Regimegegner inhaftiert und sogar hin gerichtet.

Man sagte mir nicht, wo man mich hin gebracht hatte, nur soviel, dass ein Errmittlungsverfahren gegen mich eingeleitet würde. Und tatsächlich hatte ich keine Ahnung, wo ich mich befand. Ich wusste zum damaligen Zeitpunkt noch nicht einmal von der Existenz gesonderter Untersuchungshaftanstalten der Stasi. Wie ich später erfuhr, hatten sie in jedem Bezirk ihre Gefängnisse, hatten eigene Staatsanwälte, die anklagten und hatten ganz sicher auch ihre eigenen Richter. Öffentlichkeit gab es nicht in den Fängen der Stasi und doch war dies alles traurige Realität, Tag für Tag.

Ankunft im Roten Ochsen

In Halle angekommen, brachte man mich in einen kleinen Raum, in dem es in einer Ecke so einen kleinen Verschlag gab. Dort musste ich hinein gehen und sämtliche Kleidung ablegen. Es war der sogenannte Effektenraum. Effekten sind persönliche Kleidungsstücke oder auch Gegenstände, die Häftlinge in Zuchthäusern, Kasernen, Arbeitshäusern, „Irrenhäusern“, Gefängnissen und Konzentrationslagern, in denen der Zwang zum Tragen von Anstaltskleidung bzw. Uniform bestand, bei ihrer Einweisung abzugeben hatten. Sie wurden vom Wachpersonal entgegen genommen und in einer Effektenkammer bis zur Entlassung aufbewahrt. Meine Effekten sollten, wie sich heraus stellte noch einmal für eine zynische Handlung der Stasi dienlich sein. Aber dazu komme ich später. Ich stand also in diesem Verschlag und entkleidete mich. Ich bin nicht prüde. Normalerweise macht es mir nichts aus, mich nackt zu zeigen. Wenn du aber gezwungen wirst, dich auszuziehen, ist das noch einmal eine ganz andere Nummer. Mir wurden also alle meine persönlichen Gegenstände abgenommen, wie Portemonaie, Schlüssel, Uhr, Kleidung, Unterwäsche, ….. eben alles was man so bei sich trug. Alles wurde peinlich genau in einer Liste notiert, die ich am Ende gegenzeichnen musste. Nachdem ich völlig nackt war, wurde ich aufgefordert, aus dem Verschlag heraus treten und mich in die Mitte des Raumes stellen. Hier wurde dann die „körperliche Untersuchung“ durch zwei Vollzugsbeamte vorgenommen. Man schaute mir in den Mund, in die Nase, die Ohren und sogar in den After. Dazu musste ich mich mit gespreizten Beinen, nach vorn überbeugen und mit meinen Händen die Pobacken auseinander ziehen. Das war eine erniedrigende Prozedur.  Seit jener Zeit habe ich regelmäßig Krämpfe im Anus, die mitunter bis zur Kreislaufschwäche führen. Proctalgia fugax heißt dieses Syndrom. Die Medizin kennt die Ursachen hierfür bislang nicht und vermag auch nicht, auf adäquate Behandlungsmethoden zu verweisen. Den Beamten hingegen schien es Freude zu bereiten, den „Abtrünnigen“ so nackt und hilflos ihnen ausgeliefert zu sehen. Ja, sie saßen am längeren Hebel und nun hatte ich keine große Klappe mehr…

Nachdem sie mit mir fertig waren, gaben sie mir Unterwäsche, Socken, ein Nachthemd und einen blauen Trainingsanzug. Das sollte meine Kleidung für die nächsten Wochen und Monate sein.

Anschließend wurde ich in einen Raum geführt, in dem die erkennungsdienstliche Behandlung durchgeführt wurde. Zunächst wurde ich fotografiert mit eingeblendeter Karteinummmer, so wie man es auch US-Krimiserien kennt. Ich musste dazu auf einem speziellen Stuhl Platz nehmen und eine Art Hemd überziehen. Der Beamte, der die machte, konnte mit einem Hebel den Stuhl um 90° drehen, so dass er Aufnahmen von vorn und im Profil anfertigen konnte, ohne mich ausrichten zu müssen. Dieser Stuhl ist heute Bestandteil der Gedenkstätte „Roter Ochse Halle“ und kann neben vielen anderen Exponaten aus der Zeit der Stasi in der Ausstellung besichtigt werden.

Danach wurden mir die Fingerabdrücke genommen. Dabei wurde jeder Finger einzeln zunächst in ein Stempelkissen gedrückt und dann auf einem dafür vorgesehen Formularfeld abgerollt. Nach Abschluss der Prozedur brachte man mich in meine Zelle. Es war ein dunkler Zellentrakt mit umlaufendem Zellengang. An den Längsseiten des Traktes gingen die einzelnen Zellentüren ab. In der Mitte des Traktes waren der Boden und die Decke offen. Damit man nicht in den Zellentrakt des darüber und darunter liegenden Geschosses sehen konnte, waren die aufgelegten Fangschutzgitter mit NVA-Decken abgedeckt. Meine Zelle lag ganz außen. Es war die erste Tür auf der rechten Seite, direkt am Turm. Sie hatte die Nummer 69. Da diese Zelle eine Einzelzelle war, bekam ich die Belegungsnummer 69/1. Mit dieser Nummer wurde ich vom Wachpersonal angesprochen. Meinen Namen benutzen sie nicht. Auch ich durfte meinen Namen nicht benutzen, sondern hatte mich auf Anfrage mit meiner Häftlingsnummer zu melden.

Meine Zelle im Stasigefängnis

Eine massive Holztür mit schweren Eisenbeschlägen, ein von außen abdeckbarer Spion und eine Klappe zum Hineinreichen des Essens. Die Schlösser waren stabil ausgeführt und es war richtig laut, wenn sich der Schlüssel im Schloss drehte. Zusätzlich musste noch ein schwerer Riegel weg geschoben werden. Das ergab eine Geräuschabfolge, die sich im Laufe der folgenden Tage, Wochen und Monate fest in mein Gehirn gebrannt hat. Ich kann sie noch heute hören, ebenso die Schritte auf dem Zellengang…

Die Zelle war klein, eine Einzelzelle. Sie war ausgestattet mit einer niedrigen Pritsche aus Holz. Darauf lagen Seegrasmatratzen. Es gab einen kleinen Tisch mit etwa 60 x 30 cm Fläche und einen Hocker. Ach ja, und nicht zu vergessen, die Toilette, immerhin als WC ausgeführt, befand sich ebenfalls in der Zelle, einfach so mitten hineingebaut ohne Schamwand, ohne Vorhang. Ferner gab es ein kleines Waschbecken mit einem darüber liegenden, in die Wand eingelassenen Spiegel und einen kleinen Wandschrank. Der Boden war aus Holz, die Wände verputzt und gestrichen. Die Zelle maß etwa 1,5 x 3 m. Ein richtiges Fenster gab es nicht. Aber man hatte eine Öffnung in der Außenwand geschickt mit zwei voreinander liegenden Reihen mit Glasbausteinen vermauert, wobei die innere Reihe unten einen waagerechten, etwa 20 cm hohen Spalt hatte, und die außen liegende Reihe diesen Spalt oben hatte, so dass eine Luftzirkulation möglich war. Den sich ergebenden Spalt konnte man mit einer Holzklappe verschließen, was aber nicht viel brachte, da es trotzdem ständig zog. Die Fensteröffnungen ließen nicht viel Licht herein, aber das war wohl auch nicht ihre Aufgabe.

Zur Ausstattung eines Untersuchungshäftlings gehörten ferner 1x Bettwäsche, 1 Paar Hausschuhe, ein Paar feste Schuhe, die täglich zu putzen waren, drei Filzdecken, Waschzeug, Zahnputzzeug, eine Tasse, eine Schüssel, ein Geschirrtuch und noch ein paar Sachen, die ich in einer Auflistung zu quittieren sowie den sorgsamen Umgang zu bescheinigen hatte.

Ich sah mich lange um und konnte es immer noch nicht fassen, was passiert war. Ich war im Gefängnis. Das Ganze musste doch ein Irrtum sein! Ich habe doch nichts getan? Auch hatte ich niemanden öffentlich herab gewürdigt, wie behauptet wurde? Und was ist mit meiner Familie? Meine Frau hatte den Beschwerdebrief doch auch unterschrieben? Womöglich wurde sie auch bereits verhaftet? Dann würden uns die Kinder weggenommen und in ein sozialistisches Erziehungsheim gegeben. Vielleicht würde uns das Erziehungsrecht aberkannt werden? Das war nicht unüblich in der DDR, denn der Staat fühlte sich für Kinder verantwortlich, mehr als es uns lieb war. Was, wenn sie mich hier nie wieder raus ließen, als Abschreckung für andere Ausreisewillige? Ich fand keine Ruhe. Man hatte gehört, dass die Stasi hin und wieder auch schon mal unbequeme Zeitgenossen ganz verschwinden ließ. Was, wenn ich so einer war? Ich hatte Angst. Jetzt war alles aus! Vorbei der Traum von der Ausreise, vorbei der Traum vom glücklichen Familienleben in Freiheit, vorbei! Alles vorbei!

Das Essen, das man mir durch die Luke herein reichte, rührte ich nicht an. Wenn ich ein Gefühl nicht hatte, dann war es Hunger. Ich wollte einen Anwalt, aber da lachten diese Heinis bloß. Wir wären hier doch nicht in Amerika, verhöhnten sie mich. Die Wärter waren junge Männer, manche nicht älter als Zwanzig, aber ein paar in meinem Alter gab es auch.

Ab 22.00 Uhr war Nachtruhe befohlen. Ab dieser Zeit durfte, bzw. musste man auch die Pritsche benutzen. Während des Tages war das Liegen dort nicht gestattet. Das stand in der Häftlingsordnung, die man mir gleich mit in die Zelle gab. Es war so eine Art Hausordnung, an die sich jeder Häftling zu halten hatte. Zuwiderhandlungen würden mit verschärftem Arrest bestraft. Um 22.00 wurde das Licht ausgemacht. In der Zelle selbst gab es keinen Lichtschalter. Ich zog also mein weißes Nachthemd an, in dem ich wie ein Mädchen aussah, und legte mich hin. An Schlaf war nicht zu denken. Erstens, weil mir der Kopf brummte und zweitens weil alle 15 Minuten das Licht wieder anging, die Klappe vom Spion weg geschoben wurde und ein dickes fettes Auge in meine Zelle glotzte. Die Zellenbeleuchtung bestand aus einem Scheinwerfer, der so ausgerichtet war, dass ich im Bett angestrahlt wurde. So ging das die ganze Nacht…

Quellen zu „U-Haft Roter Ochse Halle“
Foto: Sammlung Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle (Saale)

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