Die DDR und die Stasi – Mein Stück deutsche Geschichte
Eine Seite gegen das Vergessen, Verniedlichen und die Ignoranz

Verhaftung durch die Stasi

Die Konsequenzen eines Beschwerdebriefes

Handschellen der StasiEs war der 1. September 1988, ein Tag, der in der DDR als Weltfriedenstag begangen wurde. Morgens gegen 7.30 Uhr fuhr ein Wartburg 353 vor die Werkstatt meiner damaligen Arbeitsstelle, des Farbenwerkes in Coswig. Neben diesem Auto waren auch noch weitere Fahrzeuge an dem Einsatz beteiligt, aber hier verschwimmen meine Erinnerungen. Ich erinnere mich nur noch daran, dass mehr Beamte vor Ort waren, als in einen Wartburg gepasst hätten. Den Wartburg kannte ich als Einsatzfahrzeug des MfS. Ich war ihm im Laufe der letzten Jahre schon öfter „zufällig“ begegnet. Es entstiegen mehrere zivil gekleidete Männer. Einer von ihnen nahm direkt Kurs auf das Bürogebäude, vermutlich um den Werkleiter zu informieren. Die anderen kamen zu mir in die Werkstatt, gaben sich als Mitarbeiter des MfS aus und teilten mir mit, dass ich zur Klärung eines Sachverhaltes mitzukommen hätte. In diesem Moment spürte ich deutlich, wie mein Puls anstieg. Nun war es soweit. Drei Jahre ist es her, dass ich meinen Ausreiseantrag stellte und noch nicht ein einziges Mal hatte ich offiziell Kontakt zu diesen Brüdern. Aber nun war es soweit. Eine neue Qualität meiner Bemühungen, das Land verlassen zu dürfen, war erreicht. Man sah sich in der Werkstatt um, durchsuchte meinen Schreibtisch und meinen Mülleimer und packte die obersten leeren Blätter meines Schreibblockes ein, ebenso meine Arbeitstasche. Ich wollte mich den Fragen der Beamten stellen und sagte, ich würde mitkommen, um den Sachverhalt, welchen auch immer, zu klären. Aber es war natürlich gar keine Frage. Ich hatte mitzukommen und fertig! Vorher wollte ich noch kurz die Toilette aufsuchen. Jedoch gestattete man mir dies nur in Begleitung. Spätestens jetzt begriff ich, welche Stunde es geschlagen hatte. Was ich zu jenem Zeitpunkt allerdings noch nicht wusste war, dass ich diesen Ort nie wiedersehen würde. Ich glaubte, dass man mich wieder einmal in die Mangel nehmen wollte wegen meines Ausreiseantrages. Die letzten drei Jahre wurde ich regelmäßig zum Rat des Kreises Roßlau, Abteilung Innere Angelegenheiten vorgeladen. Der Leiter der Abteilung, Herr Schimpfermann, führte meist die „Überzeugungsgespräche“, war aber nie allein im Raum. Wer die anderen Personen waren, wusste ich nicht, konnte es mir aber denken. Nach drei Jahren Bearbeitungszeit und unzähligen Umstimmungsversuchen wies man meinen Antrag auf Übersiedlung in die Bundesrepublik schließlich ab, mit der Begründung, dass ich nicht antragsberechtigt sei. Es gäbe keine gesetzliche Grundlage, auf der mein Ausreiseantrag fußen könnte. Natürlich wollte ich es damit nicht bewenden lassen und legte schriftlich Widerspruch gegen diese Entscheidung ein. Der Widerspruch war nun schon zwei Wochen alt, so dass ich glaubte, man würde die Sache einfach aussitzen, so wie man es immer tat. „Aussitzen“ musste ich, wie sich später zeigte, diese Angelegenheit dann ganz allein und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Ich dachte also, man würde nun auf meinen Widerspruch mit einem erneuten Überzeugungsgespräch reagieren, nur eben von höherer Stelle aus. Damit lag ich dann auch gar nicht so falsch. Es ging tatsächlich um meinen Beschwerdebrief, den ich an den Rat des Kreises Roßlau geschickt hatte. Nur, mich davon überzeugen, meinen Antrag zurück zu ziehen, wollte nun offensichtlich niemand mehr.

Stasigebäude in Roßlau

Ich wurde in die Kreisstadt nach Roßlau gebracht. Dort gab es eine KD des MfS (Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit). Man brachte mich in einen Vernehmungsraum und verhörte mich in Folge die nächsten Stunden in der Hauptsache zu meinem schritlichen Widerspruch gegen die Ablehnung meines Ausreiseantrages, daneben zu meinem Ausreiseantrag selbst, meinen Bekannten, Verwandten, Freunden und Kollegen und was weiß ich noch alles. Am Ende des Verhörs musste ein Verhörprotokoll angefertigt werden. Das war sehr mühsam. Satz für Satz wurden nochmals sorgfältig formuliert und mir vorgetragen. Das dauerte gefühlte hundert Stunden und nervte mich ziemlich. Ich wollte das nicht alles noch einmal Punkt für Punkt durchkauen und schlug deshalb vor, das Protokoll zu diktieren. Ich erinnere mich noch genau, dass es dem Vernehmer imponierte, dass ich ihm das Protokoll direkt zur Niederschrift diktierte. Vermutlich freute er sich, dass er nicht soviel Arbeit mit mir hatte und dachte schon an seinen Feierabend. Mir war das egal, ich wollte hier nur wieder raus. Inzwischen war es schon Nachmittag geworden.

Wie ich erst viel später erfuhr wurde zeitgleich mit meiner Vernehmung unsere Wohnung in der Breitscheidstraße in Coswig durchsucht. Hierzu wurden zwei unbeteiligte, aber linientreue Zeugen hinzugezogen. Alle konfiszierten Gegenstände wurden gelistet und durch Unterschrift der Anwesenden bestätigt. Meine Frau erfuhr zu jenem Zeitpunkt weder wo ich war, noch was man mit mir vor hatte.

Als alle Formalitäten erledigt waren, betraten zwei uniformierte junge Männer den Vernehmungsraum. Das Ministerium für Staatssicherheit hatte natürlich auch eigene bewaffnete Organe. Sie gehörten zum Wachregiment Feliks Dzierzynski. Die Aufgaben dieser Einheit umfassten vor allem den militärisch-operativen Wach- und Sicherungsdienst an Staats- und Parteieinrichtungen. Wie ich später feststellte, waren diese beiden Männer auch Teil meines zukünftigen Bewachungspersonals in der Untersuchungshaftanstalt. Sie waren mit einem Barkas B1000 mit Kastenaufbau aus der Bezirksstadt Halle gekommen. Den Barkas hatte ich schon am Vormittag bemerkt. Er stand die ganze Zeit auf dem Hof. Ich konnte ihn vom Vernehmungszimmer aus sehen.

Sie forderten mich auf, aufzustehen und mich mit gespreizten Armen und Beinen an die Wand zu stellen. Während ich durchsucht wurde, teilte man mir mit, dass ich verhaftet sei, wegen des dringenden Tatverdachts, eine strafbare Handlung begangen zu haben. Ich hätte mich der Verletzung des § 220 StGB strafbar gemacht, indem ich durch die Versendung eines Beschwerdebriefes ein Schreiben „veröffentlichte“, das geeignet sei, die staatliche Ordnung verächtlich zu machen. Danach wurden mir Handschellen angelegt und ich wurde in den bereit stehenden Barkas verbracht. Laut meiner Strafakte war das am 1. September 1988 um 14.06 Uhr. In dem fensterlosen Kastenaufbau befanden sich mehrere winzige Zellen, eine von ihnen wurde mir zugewiesen. Nachdem ich mich mit meinen 1,90 m Länge dort hinein gezwängt hatte, verschloss man die Zelle und schließlich auch den Kastenaufbau. Es war absolut dunkel. Ich konnte nicht einmal die Hand vor Augen sehen. Der Motor startete und die Fahrt ging los. Ich hatte keine Ahnung, wohin man mich bringen würde. Da ich mich aber in Roßlau auskannte, konnte ich aufgrund der Kurven, die mich jeweils in die linke oder rechte Ecke des Verschlages pressten, in etwa nachvollziehen, wohin wir fuhren. Es ging zurück in Richtung Coswig. Kurz vor Coswig bogen wir dann aber auf die Autobahn ab, die heutige A9, in Richtung Süden. Hier verlor ich dann irgendwann die Orientierung. Nach etwa anderthalb Stunden Fahrt wurde ich wieder aus dem Fahrzeug geholt. Man teilte mir mit, dass ich nun zur weiteren Untersuchung meiner Straftat in eine Untersuchungshaftanstalt eingeliefert würde…

Der 1. September, Weltfriedenstag – ich wünsche mir, dass ich irgendwann auch meinen Frieden schließen kann mit diesem Tag, diesem Staat und den vielen Menschen, die zu diesem Unrecht beigetragen haben.

 

Quellen zu „Verhaftung durch die Stasi“
Foto: pixabay.com

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