Die DDR und die Stasi – Mein Stück deutsche Geschichte
Eine Seite gegen das Vergessen, Verniedlichen und die Ignoranz

Verlegung in Gemeinschaftshaft

Nach einer Woche Einzelhaft im Roten Ochsen in Halle verlegte man mich in eine andere Zelle. Sie befand sich nur ein paar Türen weiter auf demselben Flur und zur selben Himmelsrichtung hinaus. Es war eine Dreimannzelle, in die ich umziehen sollte, eine Zelle, in der bereits zwei junge Männer eine geraume Zeit einsaßen. Sie waren freundlich und redselig und es schien mir, als wären sie froh, endlich einmal wieder etwas neues zu hören. Vermutlich hatten sie sich schon alles erzählt, schon viele Male, denn wenn es hier von etwas genug gab, dann war es Zeit.

Die Zelle war wie meine Einzelzelle geschnitten, nur etwa doppelt so breit. An der Außenwand mit dem Kopfende zur Wand hin standen die drei Holzpritschen. Sie standen dicht aneinander wie Ehebetten. An der rechten Seite befand sich ein Waschbecken mit Spiegel, links davon ein kleines Hängeschränkchen. Das „Fenster“ bestand wieder aus einer doppelten Glasbausteinausmauerung. Aus einem Fenster sehen zu können – ich hatte bis zu jener Zeit nicht gewusst, wie viel mir das bedeutete. Gleich rechts neben der Tür befand sich die Toilette, ein WC, einfach auf den Boden geschraubt, mitten im Raum. Und dieser Umstand sollte nun, da ich mich in einer Gemeinschaftszelle befand, noch einmal ein ganz anderes Gewicht bekommen.

Mir wurde das Bett ganz links an der Wand zugewiesen. Gott sein Dank musste ich nicht in der Mitte schlafen! An dieses alberne Nachthemd, das viel zu kurz war für einen langen Kerl wie mich, konnte ich mich auch nicht gewöhnen. Ich glaube, auch dies war Teil ihres perfiden Plans, uns klein zu machen, klein zu kriegen, klein zu halten. Die Toilette benutzte ich nur für das kleine Geschäft. Mehr war mir nicht möglich. Obwohl ich ahnte, dass dies kein gutes Ende nehmen würde, konnte ich nichts dagegen tun. Ich konnte einfach nicht vor aller Augen scheißen! Die anderen Zwei hatten diese Probleme nicht, jedenfalls nicht mehr und obwohl dies meiner Nase weniger gefiel, profitierte ich am Ende doch davon, dass sie so normal mit einem menschlichen Bedürfnis umgehen konnten. Sie waren es auch, die mir rieten, mich einfach solange hinzusetzen, bis es klappte. Und so tat ich es. Irgendwann gewöhnt man sich tatsächlich selbst an so obskure Bedingungen. Es ist nur eine Frage der Zeit. Am Ende willst du nur überleben, durchkommen, alles irgendwie überstehen. Das allein zählt. Um die Beeinträchtigung in Grenzen zu halten, vereinbarten wir, immer sofort zwischenzuspülen. Erst danach wischten wir uns den Hintern ab und spülten endgültig.

Die anderen beiden saßen wegen Republikflucht ein. „Versuchter unerlaubter Grenzübertritt“ hieß das in der Stasi-Fachsprache. Einer von ihnen hatte es in der Tschechoslovakei, einer in Bulgarien versucht. Sie scheiterten beide, wie viele Sinnesgenossen damals, an den feinen unsichtbaren Signaldrähten, die überall gespannt waren. Es dauerte nicht lange und man stellte sie und nahm sie in Haft. Die DDR hatte nicht nur dafür gesorgt, dass die eigenen Grenzen undurchlässig waren, sie traf auch entsprechende Vereinbarungen mit anderen Ostblockländern. Jede Woche startete ein Flugzeug, voll besetzt mit gefangen genommenen DDR-Flüchtlingen, in Richtung Berlin, eines in Prag, eines in Bukarest, eines in Budapest. Tausende von ihnen kamen auf diese Weise zusammen und ihnen allen machte man den Prozess. In Berlin angekommen wurden sie zunächst nach Berlin-Hohenschönhausen verbracht. Von dort aus überstellte man sie dann an ihren Heimatbezirk, wo sie schließlich auch in U-Haft kamen. Es gab fünfzehn Bezirke in der DDR: Rostock, Schwerin, Neubrandenburg, Magdeburg, Potsdam, Frankfurt (Oder), Erfurt, Halle, Leipzig, Dresden, Cottbus, Suhl, Gera und Karl-Marx-Stadt. Das war vergleichbar mit der heutigen Einteilung in Bundesländer. Alle Bezirke waren zudem noch in Kreise unterteilt, vergleichbar mit den heutigen Landkreisen. In jedem Bezirk gab es eine Untersuchungshaftanstalt wie den Roten Ochsen. Diese hier war also die, die für den Bezirk Halle zuständig war.

Poch, poch, poch. Da war es wieder. Hier also auch! Verdammt! Dieses nervige Geklopfe! Aber es war nicht so wie ich dachte. Nun endlich erfuhr ich, was es mit dieser mysteriösen Klopferei auf sich hatte. Das war kein Hospitalismus, wie ich zunächst glaubte. Das war illegale Kommunikation. Die Gefangenen unterhielten sich mittels eines Codes. Der war so simpel wie erfolgreich. Wenn du reden wolltest, meldetest du dies mit drei kurz aufeinanderfolgenden Klopfzeichen an: Poch, poch poch. Wenn auf der anderen Seiten der Wand oder in der Zelle über oder unter dir jemand mitreden wollte, bestätigte er dieses Signal. Dann ging es los. Ein einzelnes Poch stand für ein A. Für ein B musste man zweimal klopfen, für ein C dreimal und so weiter. Wenn ein Wort zu Ende war, gab es ein Doppel-Poch. So fügten sich Buchstabe an Buchstabe, Wort an Wort. Wenn du ein Wort oder einen Satz vorzeitig erfasst hattest, konntest du mit einem Doppel-Poch abklopfen. Das ersparte Zeit und schonte die Fingerknöchel. Auf diese Weise erfuhren wir von Neuzugängen, von Gerichtsverhandlungen, von Abtransporten, von Vernehmungen usw. Es war der prämediale Newsticker sozusagen. Wir wussten Bescheid. Auf diese Weise erfuhr ich von der Möglichkeit, freigekauft zu werden und dass man dazu unbedingt den Berliner Rechtsanwalt Professor Dr. Vogel mit seiner Verteidigung beauftragt haben musste. Zu dumm nur, dass mein Anwalt sein Mandat inzwischen schon bestätigt hatte. Ich stellte also erneut einen Antrag. Entzog meinem Wittenberger Anwalt das Mandat wieder und beauftragte nun diesen Promianwalt aus Berlin, den ich schon aus der Tagesschau kannte.

Und von einer weiteren, unglaublichen Möglichkeit der illegalen Kommunikation sollte ich nun auch erfahren. Es gab tatsächlich die Möglichkeit, mit Inhaftierten angrenzender Zellen zu sprechen. Das ganze funktionierte über ein Röhrensystem, ähnlich wie man das aus Filmen von alten Dampfern kennt. Der Kapitän zog dann einen Stöpsel aus dem Rohr und konnte direkt mit den Matrosen im Maschinenraum sprechen. Ein illegales Röhrensystem? Ich hab es auch nicht geglaubt, aber es funktionierte. Vermutlich hatte sich das einmal ein Klempner ausgedacht. Man musste nur das Wasser, das unten in der Toilette stand entfernen und schon konnte man über die Toilettenschüssel wie durch ein Mikrofon mit allen reden, die über dasselbe Fallrohr miteinander verbunden waren und ebenfalls das Wasser entfernt hatten. Solche Gespräche mussten natürlich vorher verabredet werden und das wiederum passierte über Klopfzeichen. Einer stand dann jeweils Schmiere an der Zellentür und achtete auf heran nahende Wärter. Wir wurden nie erwischt. Zugegeben, das war keine appetitliche Angelegenheit, aber in jenen Momenten war das völlig unwichtig. Es tat einfach gut, die gesetzten Grenzen zu überschreiten. Der doch so übermächtige Geheimdienst… alles wusste er scheinbar auch nicht.

Obwohl ich froh war, nicht mehr allein vor mich hin schmoren zu müssen, litt ich auch unter den neuen Umständen. Da war zum einen die Sache mit der Toilette, also dass ich meine Notdurft vor anderen Menschen verrichten musste und zudem fand ich es unerträglich, dass so viel geraucht wurde. Den Jungs konnte ich das nicht verübeln. Ich war selbst einmal Raucher gewesen. Nun aber rauchte ich schon einige Jahre nicht mehr und für einen Nichtraucher in so einer kleinen Zelle war das schon gruselig. Ich hatte oft Kopfschmerzen und versuchte schließlich auch, ein Verlegung in eine Nichtraucherzelle zu erreichen, sprach es bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit an und irgendwann – voilà – erfüllte sich mein Wunsch. Ob es nun auf mein Bestreben hin geschah oder aus reiner Zweckmäßigkeit, konnte ich nicht beurteilen. Man erklärte mir das nicht. Man wies es nur an. Mir war das auch egal. Ich war einfach nur froh, dem Qualm entkommen zu können.