Die DDR und die Stasi – Mein Stück deutsche Geschichte
Eine Seite gegen das Vergessen, Verniedlichen und die Ignoranz

Wiedergutmachung von DDR-Unrecht

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676223_pixelio.deMeine Erlebnisse in der DDR, besonders die in den letzten Jahren, haben mich sehr geprägt. Es ist, als hätte man einen Schalter in mir umgelegt. Aus Vertrauen wurde Vorsicht, aus Freundschaft wurde Enttäuschung, aus Liebe wurde Angst, aus Hoffnung wurde Verbitterung, aus Kraft wurde Erschöpfung, aus Überzeugung wurde Unentschlossenheit, aus Mut wurde Zweifel und aus Lebensfreude wurde Depression. Ich schleppe diese Zeit seither täglich mit mir herum und habe schwer daran zu tragen. Ich wünsche mir, wieder einmal leichtfüßig durch mein Leben gehen zu können, denn eigentlich könnte ich das heute. Ich lebe allein, kann also selbst bestimmen, was läuft und was nicht läuft, muss keinerlei Gefälligkeitskompromisse eingehen. Ich habe keinen Stress, mit Ausnahme dessen, den ich mir selbst mache. Ich bin, abgesehen von meinen Depressionen und den Beschwerden, die damit verbunden sind, gesund. Ich muss nicht mehr arbeiten, kann mir meinen Tag frei einteilen, kann tun und lassen, was ich will. Ich bin finanziell versorgt, habe ein eigenes Haus  und wohne in landschaftlich schöner Gegend. Alles ist gut, sollte man denken. Aber ist es das auch wirklich? Wohl nicht, sonst säße ich jetzt nicht hier und würde über dieses Thema schreiben wollen, oder? Gar nichts ist gut! Ich schleppe diesen alten Sack unsäglicher Erinnerungen wie einen Buckel mit mir herum, völlig unnütz. Ich fühle mich eingeschränkt in meinem Leben. Ich fühle mich nach wie vor gefangen, gefangen in meinen Erinnerungen. Ich fühle mich unfrei.
 

Die Aufarbeitung

Ich habe unzählige Anträge gestellt, Anträge auf Akteneinsicht, Anträge auf Annulierung von Unrechtsurteilen, Anträge auf Rehabilitierung, Anträge auf Anerkennung von Haftfolgeschäden, auf Anerkennung als Politischer Flüchtling und Unterstützung nach dem Häftlingshilfegesetz HHG. Manch Antrag wurde wie gewünscht beschieden, manch Antrag abgelehnt. Manchmal habe ich Widerspruch eingelegt und manchmal habe ich akzeptiert. Speziell der Antrag auf Anerkennung meiner Haftfolgeschäden hat mir deutlich gemacht, dass alle Arten von Anerkennung oder Nichtanerkennung nichts weiter sind als Papier, bekritzelt von Sachbearbeitern, die in einigen Stunden Feierabend haben und darüber nachdenken, wie sie den wohl verbringen werden. Es sind nicht mehr als Alibimechanismen, ins Leben gerufen von Politikern, damit niemand ihnen Untätigkeit vorwerfen kann. Untätigkeit kann man ihnen also nicht vorwerfen, aber kann man ihnen auch einen würdevollen und angemessenen Umgang mit der DDR-Vergangenheit und ihrem Nachlass bescheinigen? Ich denke, eher nicht! Tausende fühlen sich im Stich gelassen. Ach, so schlimm war das doch alles nicht. Und alle, die irgendwie selbst noch Dreck am Stecken haben (und da gibt es leider noch viel zu viele) stimmen lautstark ein in den Lobgesang guter alter Zeiten. Pfui Teufel! Da wird mir schlecht! Aber so ist das Leben. So sind die Menschen. Ich werde daran nichts ändern. Niemand wird daran je etwas ändern, denn Menschen sind wie sie sind. Meine vielen Bemühungen um Anerkennung und Rehabilitierung, um Wiedergutmachung und Herstellung eines gewissen inneren Gleichgewichts sind bislang nicht von Erfolg gekrönt. Mein Antrag auf Anerkennung von Haftfolgeschäden wurde sechs Jahre lang bearbeitet. Wie kann man sechs Jahre darüber brüten, ob die Inhaftierung durch den Staatssicherheitsdienst der DDR zu seelischen Gesundheitsschäden bei jemand führen konnte, der mit 48 Jahren infolge seiner Depression keiner Arbeit mehr nachgehen konnte? Man kann! Sechs Jahre lang! Am Ende kam man zu dem Schluss, dass nicht mit Sicherheit nachgewiesen werden könne, dass meine heutigen gesundheitlichen Beeinträchtigungen von der Haftzeit in der DDR her rührten. Es sei ebenso wahrscheinlich, dass meine Depressionen in meiner Kindheit begründet liegen.
Ich erlag dem Irrglauben, dass wenn ich alle möglichen Anträge stellen würde und die betreffenden Bescheide bekäme, dann würde ich mein seelisches Gleichgewicht wieder finden. Ich dachte, ich könne meinen Frieden finden, indem ich etwas von außen bekomme.

Der Frieden kommt nicht von außen

Auf Facebook hat sich eine Gruppe von „Ehemaligen“ gebildet, die ebenso wie ich bis heute keine Ruhe gefunden haben und darum kämpfen wollen, endlich angemessen anerkannt und entschädigt zu werden. Die Gruppe besteht noch nicht lange und hat schon über tausend Mitglieder. Vielen von ihnen ist die sogenannte Stasiopferrente zuerkannt worden. Dennoch finden sie keinen Frieden. Es ist anscheinend weder mit guten Worten, noch mit Geld ungeschehen zu machen, was einst an Verletzungen geschah. Diese Menschen kämpfen weiter, heute – viele Jahre nach dem Mauerfall. Täglich treffen sie sich auf Facebook und beschäftigen sich mit ihrem Thema: Die Ungerechtigkeit. Sie finden scheinbar Trost untereinander, aber finden sie auch Frieden?
Ungerechtigkeit gibt es überall. Das war damals so und das ist auch heute noch so. Es ist auch nicht die Aufgabe von Gerichten, gerecht zu sein, wie ich immer glaubte. Gerichte haben vielmehr die Aufgabe, die jeweils geltenden Gesetze eines Staates anzuwenden und umzusetzen. Gerecht müssen die nicht sein. Und überhaupt, was ist schon gerecht? Gerecht ist das, womit du dich zufrieden gibst. In diesem Satz steckt alles, wonach ich schon viele Jahre suche: Gerechtigkeit und Frieden. Wenn ich mich zufrieden gebe, mit dem was ist, das heißt, wenn ich Ja sage zur Realität, zu dem was jetzt da ist, dann und nur dann kann ich Gerechtigkeit finden. Wenn ich Ja dazu sagen kann, dass Unbeteiligte nicht besser über meine Anträge entscheiden können, weil es sie einfach nicht interessiert, wenn ich JA dazu sagen kann, dass Menschen zuerst an sich denken und deshalb vielleicht aus Angst vielleicht auch aus Vorteilsdenken mich denunziert oder im Stich gelassen haben, dann akzeptiere ich die Realität. Und erst dann, wenn dies geschieht, kann ich den Buckelrucksack wieder los werden.

Frieden findet man nicht, man schließt ihn. Das ist eine Erkenntnis aus einem langen Prozess. Ich möchte diesen Frieden nun schließen.

Wiedergutmachung – Ist das möglich?

Solange ich nicht akzeptieren kann, was geschah, bin ich gefangen in diesen alten Zeiten und erlebe immer wieder neu, was inzwischen doch längst vergangen ist. Solange ich nicht akzeptieren kann, dass es keine Wiedergutmachung für getanes Unrecht geben kann, solange kann ich keinen Frieden finden. Doch was wäre der Preis für eine Wiedergutmachung? Wie viel ist eine Seele wert? Sind 1000 Euro im Monat angemessen? Wie viel Pension bekommen ehemalige Staatsbedienstete der DDR, zu denen ja auch die Stasibeamten zählen? Sind 5000 Euro angemessen für die Stasiopfer? 5000 Euro für eine kaputte Seele? Und wäre dann Frieden? Wäre dann alles gut? Könnte die geschundene Seele dann endlich heilen?
Inzwischen habe ich allen Grund zu der Annahme, dass kein Geld der Welt meine Seele heilen kann, keine Wiedergutmachung und auch keine Anerkennung, solange ich innerlich nicht Ja dazu sage. Erst wenn ich die Wiedergutmachung, egal in welcher Höhe, und das Unrecht, das mir zuteil wurde, annehmen kann, akzeptieren kann, erst dann und nur dann kann meine Seele heilen. Indem ich um Anerkennung und Wiedergutmachung kämpfe, tausche ich den einen Dämonen gegen den anderen ein, nur Frieden werde ich so nicht finden.

Freiheit durch Akzeptanz

Ich kann meine Vergangenheit nicht ändern. Ich könnte mich aber noch bis ans Ende meiner Tage damit beschäftigen und auf diese Weise, alle Wunden immer schön offen halten. Ich könnte alles doof und gemein und ungerecht finden. Das macht es aber nicht ungeschehen. Ich könnte einen Verein ehemaliger Stasihäftlinge gründen, eine Petition verfassen oder in den Hungerstreik treten. Es gibt so viel, was ich tun könnte und mit Sicherheit würde ich auch den einen oder anderen Mitstreiter finden, aber wirklich leben könnte ich in dieser Zeit nicht. Ich wäre jeden Tag in der Vergangenheit verhaftet und die Gegenwart bliebe mir verborgen. Eine Zukunft hätte ich nicht, denn eine Zukunft setzt eine Gegenwart voraus. Ich habe mich deshalb dazu durchgerungen, Frieden zu schließen mit meiner Vergangenheit und auch mit meiner Gegenwart. Ich habe mich dazu entschlossen, zu akzeptieren. Ich möchte akzeptieren, was geschah und was heute ist. Und ich möchte die Menschen akzeptieren, die mich damals verletzten, sowie diejenigen, die es heute tun. Ich möchte ihnen vergeben können.
Mit Situationen kann ich schon ganz gut Frieden schließen, mit Menschen jedoch fällt mir dies ungleich schwerer, besonders wenn es sich um Menschen handelt, die mir einmal etwas bedeutet haben. Doch ich habe erkannt, dass mein Groll, meine Wut und mein Hass mir nur selber schaden. Die „Täter“ von einst und von heute spüren nichts davon. Ich will ihnen vergeben. Sie haben es getan, weil sie Menschen sind. Sie haben zuerst an sich gedacht. Das sollte ich auch öfters tun. Sie sind keine Monster. Sie sind ganz normale Menschen. Wären die Bedingungen heute dieselben wie in der DDR, würden sich mit Sicherheit wieder ebenso viele „Unterstützer des Vaterlandes“ finden, da bin ich mir sicher. Wie soll ich mir sonst die Vergehen an Zivilisten, die Plünderungen, Vergewaltigungen und Morde in Krisengebieten erklären? Alles Monster? Nein, es sind unsere Söhne und Töchter. Es sind Menschen, die unter bestimmten Bedingungen auf bestimmte Weise reagieren. Es wird nur nicht gern darüber gesprochen. Die Welt ist wie sie ist und die Menschen sind wie sie sind. Es ist verschwendete Energie, daran etwas ändern zu wollen. Die Welt ist ein Spiegel unserer selbst, ein Spiegel der kollektiven Menschheit.

In Zukunft möchte ich meine Energie dafür verwenden, mir selbst etwas gutes zu tun, zu mir selbst gut zu sein. Ich möchte diese Energie darauf verwenden, mir ein schönes Leben, ein Leben aus der Fülle zu gestalten. Ich möchte den Zustand des Mangels beenden, des Mangels an Anerkennung und Wiedergutmachung. Ich brauche das nicht mehr. Ich habe alles, was ich zum Leben brauche, in mir. Ich kann in Zukunft ein Leben aus der Fülle führen.

Sicher, an der Vergebung muss ich noch arbeiten. Aber der erste Schritt ist getan. Und der erste Schritt ist bekanntlich der wichtigste.

 

Quellen zu „Wiedergutmachung von DDR-Unrecht“
Foto: gänseblümchen / pixelio.de

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